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Zeichenfabrik

Blog / Aktuelles aus der Zeichenfabrik

Schichten, Emulsion und Bildnisse

Autor: Hoa Luo
Schichten, Emulsion und Bildnisse

»Jede Zeit braucht ihre Kunst. Diese alte Malerei ist vergangen, aber immer noch voller Geheimnisse.«

Wir haben George Gheorghe in seinem Atelier und Museum in der Esterházygasse besucht. Der 1956 in Crevedia bei Bukarest geborene, akademische Maler hat mit seinem fundierten Wissen über die Schichtenmalerei nicht nur verschiedene Stile einzelner MalerInnen bis zur Perfektion imitieren gelernt, sondern auch an der Vermittlung dieses Wissens gearbeitet. Während wir mit ihm gesprochen haben, lief Renaissance-Musik im Hintergrund, was uns direkt in eine andere Zeit versetzt hat.

Malerei braucht Zeit

Man sagt generell, dass ab dem 16. Jahrhundert nur mit Ölen gemalt wurde. Caravaggio, Tiziano oder sogar Leonardo Da Vinci - alles Ölmaler -, dennoch werden die Gemälde maltechnisch oft unterschiedlich interpretiert. In den Niederlanden geht man beispielsweise davon aus, dass zu jener Zeit auch mit Kirschgummi, also wasserlöslich gemalt wurde. Durch das Fehlen klarer Forschung bleibt die Rekonstruktion der Bilder von verschiedenen SpezialistInnen schwammig. Auch aus diesem Grund hat George Gheorghe angefangen, selbst zu experimentieren. Er hat einzelne Bilder verschiedenster Epochen untersucht und Schicht für Schicht den Aufbau erforscht, um die Prozesse und Arbeitsweises nachvollziehbar (und reproduzierbar) zu machen.

Dabei ist er Meister. Er kennt alle Tricks: Gemälde etwa bekommen Risse, wenn sie zu schnell getrocknet werden. Geduld ist daher ein unerlässlicher Begleiter auf der Suche nach dem Effekt der Tiefe. Entscheidend sind unter anderem die Reihenfolge der Schichten und das Warten, bis die vorherige Schicht ganz trocken ist, um weitere aufzutragen.

Bei seinen Recherchen hat George Gheorghe auch herausgefunden, dass die alten Meister die untersten Schichten mit Ei-Emulsion, also einem wasserlöslichen Bindemittel gemalt haben, und erst am Schluss eine dünne Schicht Ölfarben verwendeten. Eine geschickte Sparmaßnahme: Öle waren teuer und aufwendig in der Herstellung. Auch Pinsel wurden damals selbst hergestellt. Die Maler hatten deshalb Lehrlinge, die sich um die Herstellung von Farben und Pinsel kümmerten. Das Wissen wurde dabei nur über das Tun vermittelt, die Werkstatterfahrung war Lehr- und Lernmethode. Deshalb, und wegen der Geheimniskrämerei der Meister, gibt es darüber kaum Aufzeichnungen.

»Die wasserlöslichen Emulsionen mische ich selbst. Die Öle sind sehr anstrengend in der eigenen Herstellung. Es ist etwas Spezielles. Die Ölfarben aus dem Geschäft sind mittlerweile sehr gut, haben aber trotzdem immer Zusätze. Leonardo da Vinci hat mit Nussöl oder Leinöl gearbeitet. Jeder hatte sein eigenes Rezept, obwohl normalerweise nur Pigmente und Öle verwendet wurden. Diese wurden von den Lehrlingen angerührt. Bei Carravagio hingegen war die Produktion anders. Er hatte keine Schüler, keine Freunde… und er hatte eine neue Technik. In Bleiweiss wurde in der ersten Schicht modelliert.«

Komposition eines Einzelgängers

George Gheorghe ist nicht nur akademischer Maler, der im Prozess seines Schaffens alte Stile studiert und kopiert. Als Restaurator und Forscher ist das Aufdecken der Techniken und die Ausgrabung jeder einzelnen Schicht seine akribische Passion, die in sein Lebenswerk mündet: das Museum alter Maltechniken.

»Ich arbeite ohne Infrastruktur und allein. Das ist sehr schwer, eigentlich bräuchte man ein Sekretariat oder Assistenz, Forschergruppen. Es ist ein Prozess. Vor 10 Jahren habe ich mich an der Bildenden inskribiert und wollte im Bereich Maltechnische Rekonstruktionen eine Doktorarbeit schreiben. Ich konnte aber keinen von der Notwendigkeit einer solchen Arbeit überzeugen. Nun habe ich an der Angewandte Wien Interesse an meiner Arbeit gefunden und habe das Studium begonnen.«

George Gheorghe

In seinem eigenen Werk thematisiert George den menschlichen Körper, begreift ihn als Kompositionsmittel und schafft den BetrachterInnen eine Distanz zu den dargestellten Figuren. Basierend auf Kompositionszeichnung strukturiert er seine Arbeit um sein eigenes Zeichnungsarchiv aus Zeichnungen, die noch keine Bilder geworden sind. So entsteht der Ablauf vom Aufbau eines Bildes, die Komposition und Geometrie dahinter als die Wiederholung der Menschenbilder.

»Die Körper und Menschen werden zur Linie und die Komposition formiert den Raum.«

George Gheorghe Malerei

Ein Museum zur Geschichte und Technik der Schichtenmalerei

Museum, Atelier und Galerie in der Esterházygasse

Bei George ist Arbeit nicht nur systematisch sondern auch praktisch. In seinem Museum lässt sich alles schnell umbauen und aufbauen. Während BesucherInnen eine Führung erhalten und man alles über die Technik im Detail erfährt, ist nebenan seine Galerie aktueller Arbeiten. Sobald der Andrang vorbei ist, wird weitergearbeitet.

»Wenn du ein Museum hast, ist es sehr kompliziert mit Eintritt und Tickets. Deshalb lasse ich es offen, wie viel die BesucherInnen zahlen wollen.«

Freie Spende und viel Angebot: Es lohnt sich in das Reich von George Gheoghe zu blicken und sein Werk zu bewundern. Seit 30 Jahren arbeitet er mit Experimenten, die mit wissenschaftlichen Protokollen seinen Arbeitsfortschritt dokumentieren.

Der Auftrag

Aktuell: Das Gemälde zu Game of Thrones

Kürzlich hat George Gheorghe ein Gemälde zu Games of Thrones im Rahmen einer Auftragsarbeit vollendet. Das Bild sollte im Stile Pieter Bruegel der Ältere gemalt werden und versammelt Schlüsselmomente der Fernsehserie. Neueste Erkenntnisse über die Maltechnik Pieter Bruegels flossen mit ein in das Bild, welches er in 1,2 Millionen Pinselstrichen umsetzte.

»Die Arbeit am Bild war interessant, aber auch sehr anstrengend. Ich habe manchmal von 6 bis 21 Uhr gearbeitet. Ich habe die Szenen gezeichnet, dann habe ich für die Komposition eine geometrische Struktur geschaffen, basierend auf der Zahl 7, denn der Stern mit 7 Spitzen ist ein wichtiges Symbol im Film. Auf dieser Struktur habe ich die Szenen verteilt. Ich wollte zuerst Holz verwenden, wie Bruegel, man arbeitet feiner darauf, aber es war nicht genug Zeit dafür. Als die Komposition klar war, habe ich sie auf eine 150x200cm grossen Leinwand übertragen und begonnen zu malen. Die Malschicht enthält mehrere Farbschichten, mit verschiedenen Bindemitteln von ganz mager, Leim, durch fette Tempera bis reine Ölfarbe. Es war aber ein sehr großes Projekt und ich war alleine, hatte keine Sekretärin oder Pressesprecherin, musste telefonieren, Emails schreiben, Fotos machen, das nimmt Zeit und Energie in Anspruch, sodass am Tag der Abgabe das Bild noch nicht fertig war. Gut, dass es möglich war, drei zusätzliche Tage zu bekommen, um die Arbeit zu Ende zu bringen.«

Am Ende einer Auftragsarbeit mit sich selbst und dem Ergebnis zufrieden zu sein, ist eine große Herausforderung: eigene Vorstellungen, inhaltliche Standpunkte und künstlerische Postionen mit der Erwartungshaltung des Auftraggebers in Übereinstimmung zu bringen ist dabei ein wesentlicher Faktor.

»Ich bin sehr stolz, das Projekt zum Abschluss gebracht zu haben. Das Bild ist nicht schlecht, der Auftraggeber war auch sehr zufrieden. Ich bin neugierig auf Bildkommentare!«

Kurse von Renaissance bis Barock

Durch seine Interessen und Methoden, Einzelschritte akribisch und analytisch in wissenschaftlicher Manier aufzuzeichnen, ist George in der Lage, sein Wissen in systematischer Form weiterzugeben.

Die Fülle seines Wissen vermittelt er den TeilnehmerInnen in der Zeichenfabrik: In seinen Kursen werden nicht nur Gemälde analysiert und rekonstruiert, sondern auch Einblicke in andere Kunstepochen gegeben und anhand konkreter Beispiele Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt. Lernt die alten Meister kennen und fragt George Gheorghe nach seinen LieblingsmalerInnen!

Wer hat das gemalt?

George Gheorghe: Kopie nach Antonello

Ein kleiner Tipp: Es handelt sich um einen italienischen Maler!?

Links:
George Gheorghe Website
Im Blog: Das Gemälde aus Feuer und Eis
Kurs im WS2017: Judith und Holofernes

* Alle Zitate von George Gheorghe
Titelbild © George Gheorghe

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