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Zeichenfabrik

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Alexander Felch - Klare Aussagen

Autor/in: Luisa Paumann
Alexander Felch - Klare Aussagen

Gewohnte Sichtweisen, Begriffe und Zusammenhänge der Welt hinterfragen – neue Regeln erfinden und den Gedanken für die Bedeutung eines Kunstwerks als vorrangig erachten, ist der Ansatz unseres Dozenten Alexander Felch, den ich heute im Garten der Zeichenfabrik für ein Interview treffe. Alexander Felch ist ein Konzeptualist, und da sich manches Werk der Konzeptkunst erst durch die Auseinandersetzung mit dem Künstler und seinem Denken erschließt, stellen wir uns heute die Frage: Wer ist Alexander Felch – als Künstler und als Mensch?

Antidisziplinarität

Alexander streicht Sachverhalte heraus und zeigt so ein kritisches Bild der Realität. Seine Ideen – häufig politisch und gesellschaftskritisch motiviert – erhalten durch die künstlerische Aktion des Bedeutungs-Gebens ihre physische Form. Für diese Form gibt es bei Alexander Felch keinen Rahmen – sie kann alles sein: Gefundene Objekte, Performance, Sound-Installationen, Video-Art, Medienkunst – Antidisziplinarität ist das Schlagwort: »Ich habe keine Berührungsängste. Wenn jemand sagt, das kannst du nicht machen, dann sag ich: ‚Doch, ich kann alles machen!‘«*

»Lasst euch nichts einreden – aber hört trotzdem, was die anderen sagen.«* Das rät Alexander auch den TeilnehmerInnen seines Kurses an der Zeichenfabrik „Berufsbild KünstlerIn – von passioniert zu professionell in 9 Schritten“. Unser Dozent, der aus eigener Erfahrung weiß, dass man sehr aktiv und hartnäckig sein muss, um am Kunstmarkt zu reüssieren, übermittelt Fachwissen über Verortung und Vermarktung in der Kunstwelt. Im Kurs erarbeiten die TeilnehmerInnen einen, in Bezug auf ihr Schaffen, individuellen Ansatz, um sich erfolgreich am Kunstmarkt zu etablieren.

Das Interesse für Kunst hat der 1978 geborene Künstler von seinen Eltern – die Mutter aus Russland, der Vater aus Vorarlberg – übermittelt bekommen. Prägend waren vor allem die Ausstellungen im 21er Haus, in das ihn sein Vater jede Woche mitgenommen hat. Eine Inspirationsquelle besonderer Art verkörpert für Alexander die Henry-Moore-Plastik am Karlsplatz: auf ihr ist er als Kind gerne geklettert.

soziale Gesundheit

Alexander Felch, der an der Akademie der Bildenden Künste Fotografie und Kunst im öffentlichen Raum studierte, war von 2006 an regelmäßig in Russland. Er empfand den Wunsch, sich dort zu verwirklichen – nicht nur aufgrund seiner Abstammung, sondern vorrangig in Bezug auf seine Arbeit: »Russland war künstlerisch für mich total interessant, weil es dort um Konzeptkunst, um Position ging. Hier geht es vermehrt um Potenzial. Der Kunstmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, dass Künstler Potenzial für Investoren vertreten. In den Achtziger-, Neunziger-Jahren gab es auch hier noch starke Positionen. Heute geht es vermehrt darum, dass man Trends erkennt und sich dort einklinkt.«*

In St. Petersburg war die Kunstszene noch weniger davon geprägt, dass Künstler ihre spezielle Nische finden müssen: »Da war der Nonkonformismus zu Hause, es wurde nicht so sehr nach einer komfortablen Existenz Ausschau gehalten.«* Soziale Themen waren wichtig, insbesondere die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und das Verlassen der breitgetretenen Pfade der post-sowjetischen Geisteshaltung. Die soziale Gesundheit ist für Alexander genauso wichtig wie die physische oder psychische. Mit dem Russischen Realismus – nach dem Motto „We are not the doctors, we are the pain“ – hat unser Dozent gemein, dass er die „Krankheit“ herausstreicht bzw. die vermeintliche Gesundheit in Frage stellt. Er liefert aber auch Lösungsvorschläge – beispielsweise sich der flüchtigen Realität der Dinge bewusstwerden.

So in „153 Seconds of Soviet Noise (2011)“: Die Artefakte waren unbespielte MK60-Tonbänder, welche die archäologischen Spuren ihrer Vergangenheit – die Information der russischen Realität von 1990 – mit sich trugen. Durch „weißen“ Ton (Nicht-Ton) werden die Signale der sowjetischen Realität von 1990 im Jetzt des gegenwärtigen Russlands empfangen – die Absenz des Tons stellt eine Verbindung zu jeglichem Moment her. Den „weißen Ton“ des „Sowjet-Noise‘“ kann man nicht überhören – Politik, Gesellschaft und Kultur sind davon durchdrungen; er kriecht über Gedanken, Worte und Aktionen. Die Werturteile des Künstlers entstammen der Reflektion über die sowjetische Utopie im Zusammenhang mit der russischen Realität – sie zeigen auf und stellen in Frage.

Was bedeutet zeitgenössisch?

Das ist eine Frage, die Alexander Felch mithilfe eines gefundenen Spiegels mit der Inschrift „contemporary“ zu beantworten sucht. Alles, was der Spiegel – installiert auf einer sich in Bau befindlichen Autobahn – reflektiert ist zeitgenössisch und zugleich flüchtig, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Das Verschmelzen der Gegenständlichkeit der Dinge, meist gefundene Objekte, und deren Leere ist bezeichnend für Alexanders Zugang. Er drückt die Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen verschiedenen Epochen aus – die Zeit ist leer und kann nicht übertragen werden: Da ist das Nichts der Vergangenheit, weil schon vorbei und das Nichts der Gegenwart, weil immer im Wandel und flüchtig. Contemporary heißt für Alexander in der Zeit verlorengehen und zugleich auf einer tieferen Ebene in der Zeit, im kontinuierlichen Werden sein. (s. Abb. Titelbild: „Contemporary, Mirror“, 2007) Der zweite Teil von „Contemporary“ ist „Heap“, ein aufgeschütteter Erdhügel, der sich ständig verändert: Er wird mit Gras bewachsen, erodiert durch Regen, Wind und Schnee, Kleinstlebewesen bewohnen ihn. Der Hügel verändert sich ständig – er ist ephemer, immer schon anders und völlig gegenwärtig: Auch er ist contemporary.

Aufräumen und befreien

Kronstadt wurde als Bastion gegen die Schweden errichtet. Nur mit dem Schiff oder über das Eis erreichbar, war die Stadt lange nur für Angehörige der Marine und des Militärs zugänglich. Seit ca. dreißig Jahren ist die gleichnamige Insel mit einem Damm verbunden und zu einem beliebten Ausflugsziel geworden – und seitdem gibt es ein Müllproblem. Bei einem Festival, wurde Künstlern die Aufgabe gestellt, mit Müll aus dem Finnischen Meerbusen Skulpturen zu erzeugen. Unser Dozent war jedoch mehr an den Artefakten unter dem Müll interessiert: Im Kronstädter Sommergarten fand er unter Flaschen und Brettern eine Fläche, wo ehemals ein Karussell stand. Er hat sie zu einem Speakers Corner umgeformt und feierlich eröffnet: »Ich habe euch diese Fläche freigelegt; hier könnt ihr euch kulturell verwirklichen.«* Die Plattform mit der Aufschrift „Kulturelle Fläche Nr. 1 Karussell“ blieb jedoch, an einem Ort wo Mülltrennung kaum Thema ist, nur kurzzeitig davon verschont. Sich befreien von Müll, sich befreien von schädlichen Werten (der Vergangenheit) in diese Richtung geht auch das Werk „Russian Style“: 85 goldene Papiere von Zigaretten, die Alexander zusammen mit einer Freundin geraucht hatte, wurden flächig in einen Ikonenrahmen geklebt. Der Müll ist vergoldet – das „Kulturgut“ Zigarette wird im Ikonenrahmen zur Schau gestellt. Die Verehrung des Schädlichen (auch im gesellschaftlichen Kontext gesehen) steht im paradoxen Widerstreit zum besseren Wissen und einer möglichen Katharsis.

Abb.1 Russian Style Alexander Felch, Russian Style, 2011

Wodka Jelzin und Wodka Gorbatschow sind Marken – aber, kennen Sie Wodka Khodorkovskaya? Alexander Felch war der Meinung, es müsste auch einen Wodka für Khodorkovsky geben – einen oppositionellen Politiker, der Putin für 8 Jahre inhaftieren ließ –, deshalb hat er einen solchen hergestellt („Wodka Khodorkovskaya“, 2006): »Meine Kunst ist stark politisch, ich will mich deklarieren, es braucht klare Aussagen.«*

100 Ausstellungen

Nachdem Alexander Felch von 2006 - 16 in Russland gearbeitet hat, leben er und seine Tochter nun wieder hauptsächlich in Wien. »Ich wollte mir Russland erschließen. Nach 10 Jahren war mir klar, es bringt mich nicht weiter; die Entwicklung geht in die falsche Richtung. Für meine Kunst waren diese Jahre aber immens wichtig.«* Trotz ihrer Mankos, die Alexander thematisiert, liebt er die russische Kultur, aus der ein Großteil seiner Familie stammt.

Von 2013 - 15 leitete Alexander Felch parallel zu seinen Russland-Projekten das MOE, ein Off-Space am Wr. Brunnenmarkt in einer ehemaligen jüdische Orden- und Medaillenmanufaktur. Das Kulturzentrum hatte großen Erfolg – in zwei Jahren organisierte unser Dozent mehr als 100 Ausstellungen. Das Programm umfasste jede Woche eine Eröffnung, Diskurse, Musik, Screenings. Alexander zeigt mir einen Katalog über das „Schaukastenprojekt“: »_ Für jeweils einen Monat gab es in der großen Fabrikhalle eine Installation, die man nur aus dem Nebenraum durchs Fenster sehen konnte. Für die KünstlerInnen bot das Möglichkeiten theaterartig zu arbeiten. Wir haben 12 Installationen gemacht, die erste war von mir: Ein sich unendliches fortsetzendes Muster, das sich nur auf der Fläche der Halle manifestiert._«* Obwohl das MOE unter Einbindung der Öffentlichkeit viel für Performance- und Klangkunst gemacht hat, wurde der Mietvertrag nicht verlängert. Nachdem der Verein das Gebäude noch ein Jahr besetzt hatte, gab es eine Räumungsklage. Bei der Besetzungsphase war Alexander aufgrund eines Kunstvermittlungsstipendiums in Russland schon nicht mehr dabei.

Eine Form für das „Nein“ finden

2014 hat der Künstler mit einem beeindrucken Entwurf den Wettbewerb für das Mahnmal gewonnen, das an der Wirtschaftsuniversität (WU) für Studenten und Mitarbeiter errichtet wurde, die in der NS-Zeit von der früheren Hochschule für Welthandel vertrieben wurden. Eine Weltkugel setzt sich aus den Namen der Opfer zusammen. Die seitliche Öffnung symbolisiert die Wunde, die die NS-Zeit in Uni und Gesellschaft hinterlassen hat. Es können nachträglich weitere Namen hinzugefügt werden; das Mahnmal bleibt aber unvollendet und zeigt, dass die Aufarbeitung der Geschehnisse nie vollständig sein kann.

Abb.2 Mahnmal WU Alexander Felch, Mahnmal WU, 2014

Auch beim Vorschlag der Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Platzes (Wien) in „Platz der Aufklärung“ deklariert sich der Künstler politisch. Leider entschied sich die Jury für ein anderes Projekt, das jedoch nie verwirklicht wurde.

Die Möglichkeit zum Nein-Sagen ist für den Künstler fundamental: Vor zwei Jahren hat er am Festwochenprojekt „Performancekarussell“ mit der Performance “Window of legality - 540 attempts to stop the carousel” mitgewirkt. Das Thema war Schwangerschaft: »Mein Konzept war der Versuch, das Karussell anzuhalten. Es ging mir um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und auf einer Metaebene um das Recht nein zu sagen. Dafür habe ich 400 Unterschriften gesammelt. Wichtig war mir, eine geeignete Form für das Nein zu finden – auch für das Nein zu Kunstprojekten. Ich habe fünf Stunden pro Tag Reden und die Flagge der Freiheit geschwungen – das Ganze war ein Erfolg.«*

Abb.3 Fahne

Das Aufbrechen von Grenzen

Alexanders Arbeit ist vielfältig – anlässlich seines Diploms hat er sogar ein Musical, in welchem er den Karl rausgelassen hat, inszeniert („Introducing the Karl“, 2008). Darin vereinte er zwei Charaktere seiner selbst: Alex, der Coole und Arrogante und Sascha (russ. für Alexander), der Talentierte, Einfühlsame. Die beiden haben gemeinsam, dass sie unter einem Tanzkomplex leiden. Nachdem sie 40 Minuten ihren Gedanken freien Lauf lassen, erkennen sie, dass Karl keine eigene Person sein muss: Jeder kann tanzen, wenn er es wirklich will. Die Show war meist eine Solodarbietung – es traten aber auch der „Chor der elenden Wiener“, der „Was-wäre-gewesen-wenn-Arthur“ (der beiden das Leben schwermacht) und im Finale eine Blassmusikkapelle auf. Für die Choreographie hat Alexander drei Monate lang Modern Dance-Unterricht genommen. »_Oft werden Themen, die den Künstler selbst betreffen, mühsam realisiert; bei mir musste es lustig sein.“* Der Künstler arbeitet formatunabhängig und wählt das Medium, das am besten den Inhalt transportiert, in dem Fall hat sich das Thema in Richtung Musical entwickelt.

Zurzeit kuratiert Alexander Felch „Transient Hole Variations“ – zugleich künstlerisches Projekt und wissenschaftliches Symposium. Die Ausstellung, in der Art & Science zusammenkommen, läuft in vier Europäischen Städten, im Herbst war sie in Wien und Russland, s. Transient Hole Research. Transient bezeichnet in der Wissenschaft etwas Bewegtes, sich Veränderndes; in der Kunst spricht man von ephemer oder flüchtig. Die Wissenschaft kennt Grenzen der Darstellbarkeit, so kann man Wurmlöcher zwar mathematisch, aber nicht durch eine Bildsprache, beweisen. Der wissenschaftliche Ansatz muss exakt und gesetzmäßig sein, Kunst kann abstraktere Lösungen liefern, was eine gegenseitige Bereicherung ermöglicht. Oft werden wissenschaftliche Erkenntnisse künstlerisch umgesetzt. Umgekehrt ist auch in der Wissenschaft Interdisziplinarität anerkannt – doch spricht man schnell von Pseudowissenschaft. Wer sind die Instanzen, die bestimmen, was Pseudo ist? „Transient Hole Research“ etabliert sich ausdrücklich als Pseudowissenschaft: »Es geht um ein kleines Loch im Raum, das sich bewegt, so etwas kann man bis heute nicht herstellen. Man kann zum Mond fliegen, aber so ein Loch schafft man nicht.«* Die Interpretationen der Künstler sind vielseitig: Man könnte einen Maulwurf dressieren, der biotransient Holes erzeugt. Oder das Kunstobjekt ist ein Kanaldeckel, weil irgendwo in er Stadt ein Loch offen ist. Oder aber Tinnitus als transient Hole, weil dadurch Löcher in der Wahrnehmung entstehen. Es gibt unzählige Möglichkeiten – wobei für Alexander Felch das antidisziplinäre Aufbrechen von Grenzen im Vordergrund steht.

Abb.4 Transient Hole Alexander Felch, Transient Hole, 2017

Ob Wurmlöcher oder Musicals, es gibt kaum ein Feld, in das unser Dozent in künstlerischer Hinsicht nicht vorgedrungen wäre. Das macht ihn zum perfekten Guide für alle, die sich die Kunstwelt erschließen und dort reüssieren wollen. Wohin die Reise gehen soll, wissen Sie vielleicht schon – das Knowhow darüber, wie Sie ihr Ziel auch erreichen, erhalten Sie von Alexander Felch an der Zeichenfabrik.

* Zitate von Alexander Felch
Links:
Alexander Felchs Website
Transient Hole Research

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