Mariella Lehner - Zeit für Selbstverständlichkeit

Mariella Lehner steht für eine neue Generation Kunstschaffender, die sich selbstbewusst Kategorisierungen entzieht, in ihrer Arbeit mutig Stile, Techniken und Genres kombiniert und sich selbst ein Umfeld schafft, in dem sie erfolgreich sein kann, anstatt darauf zu warten, „entdeckt“ zu werden.
Dieser Ansatz spiegelt sich auch in ihren Kursen „Experiment Zeichnen“ und „Streetart“ wieder, die sie ab dem Wintersemester 2019 an der Zeichenfabrik anbietet. Was sich die TeilnehmerInnen ihrer Kursen erwarten können, wie sie zur Kunst gekommen ist und wie sie die Verbindung aus Streetart und klassischer künstlerischer Arbeit meistert, hat sie uns im Interview erzählt.

Mariella, dein Weg zur Kunst?

Ich habe eigentlich immer schon gezeichnet. Mein Vater, der selbst gut zeichnet, hat das gefördert. Er ist Banker und konnte dadurch seine kreative Seite ausleben. Es hat sich für mich eigentlich nie die Frage gestellt, ob ich vielleicht etwas anders studiere, weil in meinem Umfeld niemand etwas mit Kunst gemacht hat. Ich hab mich direkt vor der Matura an der Grafischen beworben und es hat nicht funktioniert, weil ich nicht wirklich einen Zugang dazu hatte, wie man sowas professionell machen kann. Dann hab ich Kunstgeschichte studiert.

Das heißt, du wolltest auf das Kolleg der Grafischen, nicht auf die Schule?

Aufs Kolleg, genau. Ich habe ein normales Gymnasium besucht, ohne Kunstfokus. Übergangsweise habe ich Kunstgeschichte studiert, wusste dabei aber schon, dass ich das nicht fertig machen werde. Ich bin dann später aufs Kolleg gekommen, war ein Jahr selbstständig, beziehungsweise bin ich es immer noch als Grafikerin, und habe mich dann ziemlich spontan für die Akademie beworben, das hat funktioniert, als es spontan war.

Du hast deine künstlerische Ausbildung also auf der Grafischen und auf der Akademie erhalten. Hast du das Gefühl, dass das schon das ganze Spektrum an Skills abdeckt, die du für dein Schaffen benötigst?

Ich würde sehr gerne noch ins Ausland gehen, eventuell für einen PhD oder ein Masterstudium nach dem Diplomstudium, auf jeden Fall noch ein Auslandssemester. Aber selbst auf der Akademie kann man so viele verschiedene Sachen machen! Ich bin derzeit in der Zeichenklasse, arbeite aber hauptsächlich mit Drucktechniken. Und jetzt auch im Bereich Skulptur. Ich stückle mir das so zusammen, wie ich es brauche.
Ich denke, dass man sich generell das meiste selbst organisieren muss, das war auf der Grafischen so und ist auf der Akademie dasselbe. An der Akademie kann ich die Ressourcen nutzen, die Werkstätten, zu denen ich sonst vielleicht keinen oder nur kostspieligen Zugang hätte. Aber es gibt immer die Möglichkeit, wie zB in der Zeichenfabrik, zusätzlich Kurse zu machen. Ich habe das selbst während meines Kunstgeschichte-Studiums auch genutzt, u.a. einen Kurs für Ölmalerei belegt. Auf
Semesterbasis hab ich sonst nichts Vergleichbares gefunden, wo man auch außerhalb einer Akademie die Möglichkeit hat, solche Skills zu bekommen.

Hast du andere Angebote auch in Anspruch genommen oder waren das nur Kurse in der Zeichenfabrik?

Eigentlich nur hier. Als ich Kunstgeschichte studierte, habe ich parallel Druckgrafik an der Angewandten gemacht, eben als Erweiterungscurriculum. Diese Möglichkeit nutzen viele Leute nicht, dabei kann man auf jeder Uni für ein Semester einen Freigegenstand an einer Kunsthochschule belegen. Das ist vielleicht nicht der widerstandsloseste Weg, aber es gibt diese Möglichkeit, und die hab ich in Anspruch genommen. Aber sonst war es eigentlich nur die Zeichenfabrik.

Und als du hier Kurse belegt hast - das waren Ölmalerei, Druckgrafik und der Kurs bei mir (Anm.: Berufsbild Künstler:in - Von passioniert zu professionell in 9 Schritten)..

.. ja, und Textilsiebdruck bei Louise.

Also hast du insgesamt 4 Zeichenfabrik-Kurse besucht?

Ja, über einen Zeitraum von ein paar Jahren.

Als du das gemacht hast, wie hast du da das Angebot empfunden? Hattest du das Gefühl, dass es ein fairer Deal ist, du zahlst etwas und bekommst dafür zusätzliche Skills, die du im Rahmen deiner Ausbildung vielleicht nicht bekommst?

Ja, ich hatte schon dieses Gefühl, einfach weil ich das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut fand, vor allem weil Materialkosten auch inkludiert sind und ich auch die Erfahrung gemacht habe, dass - würde ich mir das selbst organisieren - das um den Preis gar nicht möglich wäre, bzw. nicht unter professioneller Anleitung, die mir das Know How vermittelt.

Wie hast du den Übergang von Ausbildung zur künstlerischen Praxis erlebt? Viele haben ja das Gefühl, aus der geschützten Werkstätte, z.B. der Akademie, ins kalte Wasser geworfen zu werden und plötzlich auf sich alleine gestellt zu sein. Wie hast du das empfunden, als du rauskommen bist und angefangen hast, als Künstlerin Mariella Lehner.

Bei mir wars eigentlich umgekehrt. Ich bin nicht aus einer Kunstinstitution gekommen. Ich wusste schon vorher, dass ich das machen will, habe auch davor schon meine erste Ausstellung geplant. Für mich war klar, ich will das sowieso machen, unabhängig von einer Kunstuni. Ich habe auch einen Freundeskreis aus KünstlerInnen, die nicht auf der Akademie, aber trotzdem jeden Tag im Atelier sind und Ausstellungen durchziehen - unabhängig von einer Akademie.

Und wo ist dein Ziel oder wo möchtest du hin .. von Kunst leben können wahrscheinlich?

.. das wäre der Dream!

Und wie lässt sich dieser Traum verwirklichen, Schritt für Schritt .. einfach mal aktive Ausstellungstätigkeit, noch mehr Erfahrung?

Genau, so viele Skills sammeln, wie ich kann, solange ich noch die Ressourcen auf der Akademie habe, und auch selbst einen Arbeitsrhythmus finden, weil ich doch sehr verschiedene Sachen mache, also einerseits das Zeichnen und die Druckgrafik, und das noch zu vertiefen und auszubauen, vielleicht auch in Richtung Skulptur. Auf der anderen Seite arbeite ich gerade an einem Zine, eher so ein bisschen obszöne Comics, die wieder eine komplett andere Optik haben. Und dann die Streetart Sache, die man mit den Comics verbinden kann. Also ich hab da verschiedene Bereiche, die mich interessieren, wo ich noch nicht sicher bin, welchen Stellenwert ich ihnen geben will in meiner Arbeit. Und das wär jetzt so mein persönliches Ziel, dass ich das herausfinde, eine Balance finde, wie ich diese Elemente einsetzen und zusammenführen kann.

Abb. "Views" (Photo by Niko Havranek)
Views (Photo by Niko Havranek), Radierung auf Gips / Sand, Gitter, 2018

Du arbeitest ja mit sehr unterschiedlichen Materialien, Techniken und Medien - was sehr ambitioniert und schwierig ist. Wie tust du dir mit den Kategorisierungen in der Kunst und dem Aufbrechen dieser Genres und Kategorisierungen und hast du das Gefühl, dass du als Künstlerin schon in einer gewissen Schublade bist.. wo man sagt: Mariella Lehner, das ist ja die mit den Gipszeichnungen?

Dadurch, dass ich im Jänner diese Ausstellung mit Gipszeichnungen hatte, ist das jetzt bis zu einem gewissen Grad der Fall, weil ich da mit einer größeren Sache in die Öffentlichkeit gegangen bin. Wir haben viel Publicity gemacht und für manche Leute bin ich sicher jetzt die Person mit den Gipsplatten und den Druckgrafiksachen, aber sonst glaub ich nicht, dass ich in einer Schublade bin.
Ich kann mir das auch gar nicht vorstellen, über Jahre hinweg ausschließlich die selbe Technik oder das gleiche Material zu verwenden. Genauso mit den experimentellen Zeichnungen, die ich mache: Seit der Ausstellungen haben sich da neue Dinge ergeben, das Material finde ich spannend, trotzdem arbeite ich jetzt nebenbei an einem Comic-Zine, damit ich meinen Kopf frei kriege und ich nicht das Gefühl habe, immer dasselbe zu machen.

Mariella Lehner
Mariella Lehner im Atelier

Zu deinen Kursen. Du bist ja in der einzigartigen Position noch Studentin und gleichzeitig schon Dozentin zu sein. Wie tust du dir damit? Hast du damit schon Erfahrungen gemacht? Was reizt dich an Kunstvermittlung und kultureller Bildung?

Ja, für mich ist das etwas ganz Natürliches! Ich erkläre gerne, ich mag Austausch und Auseinandersetzung, ich habe auch bevor ich auf die Akademie gekommen bin Graffitiworkshops für verschiedene Gruppen unterrichtet - für Kinder, für Jugendliche, für Leute Mitte 20 und für Menschen mit Fluchthintergrund.. Leuten zu zeigen, wie viel Spaß es macht, in irgendeiner Form künstlerisch zu arbeiten. Gerade Zeichnung und Streetart sind für mich ein Ausgleich und eine Form, mich auszudrücken, und ich fände es schön, wenn es mehr Leute gäbe, die sich das trauen, auch wenn sie im Alltag vielleicht gar nichts damit zu tun haben.

Einer deiner Kurse heißt „Experiment Zeichnung“, was dürfen sich die TeilnehmerInnen davon erwarten?

Ich habe das Gefühl, dass für viele Leute Zeichnung etwas Sauberes ist, vielleicht so ein bisschen die Vorstufe zur Malerei. Zeichnung hat nicht so eine hohe Wertigkeit, bleibt immer irgendwie clean, und das ist etwas, das mich stört. Ich finde es spannend, Zeichnungen in ganz verschiedenen Materialien zu sehen, und vielleicht auch mal dreckig
zu werden oder rumzupatzen, um dadurch freier zu werden. Wenn man Zeichnung mit verschiedenen Materialien verbindet, vielleicht in einem dreidimensionalen Raum, oder auf einer Leinwand - wenn man so etwas ausprobiert, kann einem das auch dabei helfen, mit Stift und Papier weiterzukommen.

Interessant. Und zum Streetartkurs: Streetart ist ja ein großer Hype, ein großes Thema in den letzten Jahren, kommt gerade im Mainstream so richtig an. Wie bist du dazu gekommen bzw. was möchtest du in dem Kurs vermitteln?

Ja, es ist gerade ein großer Hype. Für mich hatte es auch damit zu tun, die Zeichnung in einen Raum zu bekommen. Zuerst habe ich in einem Park mit Freunden ganz nervös auf eine große Wand gezeichnet und war komplett überfordert. Mittlerweile würde das wahrscheinlich in 10 Minuten gehen. Ich glaube, ein Grund für diesen Hype ist das Bedürfnis der Menschen, hinaus zu gehen und sich den öffentlichen Raum, in dem es so viele Einschränkungen gibt, anzueignen. Und gerade in Wien muss man nicht einmal illegal malen, wir haben so viele legale Flächen, und es muss auch nicht die Spraydose sein, man kann genauso einen Pinsel nehmen! Streetart ist eine Möglichkeit, sich politisch zu äußern und man hat automatisch ein großes Publikum. Das sind alles Faktoren, die für mich spannend sind. Der Austausch, wenn man malt, man ist da draußen, es kommen Leute vorbei, die wollen mit dir reden, die geben vielleicht blöde Kommentare ab, wenn sie hinter dir stehen, und man muss trotzdem weitermachen... Also nicht in seinem Kämmerlein etwas zeichnen und nur irgendwo posten, ohne Auseinandersetzung, Aufmerksamkeit, Kritik.

Abb. Smash The Patriarchy / Group Piece Rip Off Crew
Smash The Patriarchy / Group Piece Rip Off Crew, Graffito / Mural, 2018

Dieses Aufmüpfige oder Riot-mäßige macht wahrscheinlich für viele auch den Reiz aus, auch wenn die Flächen legal sind, aber es hat letztlich doch etwas von Widerstand, von Punk, oder?

Ja, es kommt ganz darauf an, wie man es nutzt. Ich kenne zum Beispiel eine feministische Gruppe die politische Messages sprayen und das hat für mich ganz viel von Punk und Widerstand. Man könnte jetzt auch anfangen, sich irgendeinen Beef zu checken und namhafte Writer zu übermalen oder eine freche Message darüber sprayen. Das könne man z.B. machen und dann hätte man sofort einen Konflikt, der sehr in diese Streetculture passt. Kommt ganz darauf an, wie man es ausleben will.

Zum Thema Feminismus. Nächster Hype :) Du deklarierst dich in der Hinsicht ja auch ganz eindeutig, also unweigerlich, durch deine Arbeit, ohne dass du speziell sagst, dass du als feministische Künstlerin wahrgenommen werden willst. Wie siehst du diesen ganzen Diskurs - es werden ja viele Programme kreiert, speziell für Frauen und für Mädchen.. aber ist das wirklich der richtige Weg zu einer fairen, gleichberechtigten Gesellschaft?

Ich finde es gut, dass Programme speziell für Frauen gerade ein Trend sind - Trends müssen nicht immer schlecht sein! Und ich finde es gut, dass es so im Gespräch ist und ich glaube, es verändert sich auch viel, vor allem wenn man mit Frauen im Teenageralter arbeitet. Die haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein, und zwar nicht weil sie grad in der Pubertät sind, sondern weil sie ganz andere Vorbilder haben. Ich denke, dass sich da noch extrem viel tun wird in den nächsten Jahren, wenn die älter werden und in Positionen kommen, wo sie vielleicht mehr Gehör finden.

Zum Thema Kurse nur für Mädchen - also ich habe letztes Jahr zusammen mit anderen Künstlerinnen Graffitiworkshops gehalten - nur für Mädchen und für junge Frauen mit Fluchthintergrund. Und da war klar, dass es wichtig ist, dass es genderspezifisch nicht für Burschen ist, weil sonst hätten manche vielleicht aus familiären Gründen nicht teilnehmen dürfen. Uns war es wichtig, dass Mädchen teilnehmen, weil der Ursprung von Graffiti ja darin liegt, dass Bevölkerungsgruppen, die für viele quasi unsichtbar sind, sich in der Mainstreamgesellschaft bemerkbar machen. Deswegen wollten wir, dass sich diese jungen Frauen ein Selbstbewusstsein erarbeiten und rausgehen können, um sich sichtbar zu machen. Für mich war aber auch klar, dass ich hier in der Zeichenfabrik den Workshop nicht nur für Frauen und Mädchen anbiete, weil ich grundsätzlich lieber mit gemischten Gruppen arbeite, sofern es kein spezifisch feministisches Thema ist. Das Ziel des Feminismus ist ja nicht, ausschließlich Veranstaltungen zu haben, bei denen nur Frauen mitmachen, sondern ausgeglichenes und gleichberechtigtes Miteinander aller Genders zu finden und zu fördern. Bei gewissen Themen kann es sehr empowernd sein, wenn die Gruppe nur aus Frauen* besteht, aber im Allgemeinen wäre es schön, wenn sich eine „natürliche“ 50:50 Rate ergibt, also ohne Druck, sondern dass das natürlich passiert.

Zeit für Selbstverständlichkeit...

Genau! Eine Quote muss hier als Katalysator verstanden werden. Wenn ich eine Kuratorin bin und das Gefühl habe, ich müsse eine Quote erfüllen, zu reflektieren: Warum hab ich jetzt dieses Gefühl, wodurch entsteht es, woher kommt es? Warum fallen mir nicht von selbst genug Künstlerinnen ein, die zu dem und dem Thema arbeiten? Denn es gibt sicher genug tolle Künstlerinnen, die zu allen möglichen Themen arbeiten, in verschiedensten Techniken.

Kunst ist...?

Für mich gibt es da keine Regeln. Alles, was vom Schöpfer, vom Urheber oder von der Urheberin als Kunst deklariert wird, soll auch das Recht haben, als Kunst zu gelten.

Ok, also rein subjektiv, genauso wie es ist.

Ist es so?