Mit Kunst Geld verdienen? Zu Besuch im Kurs von Alexander Felch

Als ich die Räumlichkeiten des Kurses Berufsbild Künstler:in – in neun Schritten von passioniert zu professionell betrete, herrscht konzentrierte Stille – die TeilnehmerInnen sind am Schreiben. "Wir verfassen gerade Artist-Statements", erklärt der Kursleiter Alexander Felch, "jeder schreibt über sich und seine Kunst."

Ich nütze den Moment und stelle Fragen.
L.P.: Worin besteht der Kurs?
A.F.: Der Kurs umfasst neun Einheiten und baut sich rund um ein fiktives Event bzw. eine Ausstellung auf. Jeder wählt ein Projekt, erstellt dafür einen Text und eine Kostenkalkulation und reicht es fiktiv ein. Alle relevanten Themen, um einem Projekt zum Erfolg zu verhelfen, können so erprobt werden – Idee, Konzept, technische Umsetzung, Zielgruppe, Preise der Werke, etc. Das Verfassen und Aussenden eines Pressetexts war auch schon Thema.

L.P.: Ihr macht auch Ausgänge, wo wart ihr schon überall?
A.F.: Wir haben Andy Warhol im Leopoldmuseum besucht, sind in die Galerie Kunstbüro und in einen Off-Space im dritten Bezirk gegangen. So lernen die TeilnehmerInnen die verschiedenen Szenen und Ebenen der Kunstszene kennen. Letzte Woche ging es um Ausstellungstexte. Wir haben die Qualität der Verbindung einer Ausstellung, die wir besucht haben, zum Text, der über sie verfasst wurde, analysiert. Der Text war ein bisschen umständlich – aber die Ausstellung hat allen gefallen (lacht).

L.P.: Was macht den Kurs so erfolgreich?
A.F.: Als KünstlerIn ist man sehr im Tunnel seines Schaffens – zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung unterscheiden zu können, ist aber essentiell. Was die TeilnehmerInnen zu Papier bringen wird gegengelesen. Das Feedback der anderen ist wichtig und eröffnet einen Raum für Diskussionen. Man sitzt mehr oder weniger im gleichen Boot und berät sich gegenseitig – Humor ist mit an Bord.

L.P.: Habt ihr schon alle Themen durch?
A.F.: Was noch fehlt, ist die Preisgestaltung; um die wird es beim neunten und letzten Termin gehen.

Die Kursgruppe

Wer nimmt teil?

Es sind Quereinsteiger- und/oder AutodidaktInnen mit den verschiedensten Hintergründen und Ausbildungen, die den Kurs besuchen, was anhand der Artist-Statements, die Alexander nun der Reihe nach vorliest, ersichtlich wird:

Der erste Text stammt von Maria und Hans, dem Künstlerteam „Zweiartig“. Sie wollen im therapeutischen Umfeld arbeiten, ohne jedoch kunsttherapeutisch tätig zu sein. Ihr Text ist gut umrissen – man merkt, sie sitzen in den Startlöchern und wollen möglichst bald loslegen.

Elisa hat lange für sich gemalt – in Öl und Acryl. Nun will sie sich die Version der Vermarktung ansehen, sich mit Kollegen austauschen und Feedback einholen.
Um Menschen, Politik und Gesellschaft geht es bei Silvia. Sie hat Politikwissenschaften und transkulturelle Kommunikation studiert. Nachdem sie die letzten Jahre hauptsächlich ihren Kindern gewidmet hat, möchte sie nun als selbständige Illustratorin Fuß fassen.

Stefanie, die auch performativ arbeitet, liefert einen wunderschönen poetischen Text: »Ich schreibe auf Papier, Bildern und Mauern. Ich lese Wände, Körper und den Zufall.« Der Text ist spannend, verhüllt aber ein wenig Stefanies konkretes Vorhaben: Auch sie illustriert – wichtig ist ihr medial zu arbeiten, Dinge zu verknüpfen und neue Kontexte herzustellen.

Mariellas eigentliche Leidenschaft ist das Radieren, wofür sie mit dem jetzigen Projekt wieder Feuer gefangen hat. Sie hat diesbezüglich eine konkrete und originelle Idee, die sie erfolgreich vermarkten möchte. Knowhow dafür soll der Kurs liefern.
Die Statements werden von den KursteilnehmerInnen gemeinsam reflektiert – sogleich entfacht eine lebhafte Diskussion.

Sich nach außen tragen

Wie mache ich meine Idee verständlich? Wie zeige ich spannend und lebendig, wo ich hinmöchte? Was will ich sagen und was lasse ich bewusst offen, um Neugier zu wecken? Soll ich ganz persönlich werden, oder eher Methoden und Herangehensweisen in den Vordergrund stellen?

Um Ankerpunkte für die Präsentation der eigenen Person als KünstlerIn zu finden, wird das Erstellen einer Mind-Map mit dem zentralen Begriff für die Arbeit in der Mitte besprochen. Fragen nach Referenzen werden laut: Wie weit soll einfließen, wer Einfluss auf meine Arbeit und auf meinen Kunstbegriff hat? Und inwiefern ist es wichtig über Technik und Materialien zu sprechen?
Kann der Text selbst künstlerisch gestaltet werden, oder soll er eher nüchtern und konkret sein? Wäre ein kurzes Teaser-Video eine gute Idee oder einfach eine Collage? Schließlich ist Plagiat noch ein Thema: Wie kann man seine Ideen hüten und Plagiat vermeiden?

Sucht euch einen Dreh!

Das Wichtigste ist für Alexander aber noch etwas anderes:

A.F.: Ihr braucht einen Dreh! Es geht nicht darum, wer schöner malen kann. Ihr müsst eure Arbeitsweise von traditionellen Herangehensweisen entkoppeln – dekontextualisieren. Z.B. Portraits im Stil des 17. Jahrhunderts vor dem Hintergrund Hollywoods. Oder die Leinwand erweitern, über den traditionellen Frame hinausgehen: Man kann sie einschneiden oder -reißen, Teile rausschnipseln, oder auf der Wand den Hintergrund dazumalen. Ihr braucht Alleinstellungsmerkmale. Es gibt genug Beispiele in der Kunstgeschichte wie man Techniken ins Extrem bringen kann. Oder ihr erzeugt Wechselwirkungen mit anderen Disziplinen und Umfeldern – anti-disziplinär lautet das Stichwort.

Im Endeffekt

Dann ist der Ball wieder bei mir.
L.P.: Was habt ihr im Kurs für euch konkret erfahren?

Elisa: Marketing ist alles. Ich wollte meine Werke nicht verkaufen, jetzt kann und will ich mich davon lösen. Der Kurs hat mir Anregungen geliefert, wie ich mich als Künstlerin öffentlich präsentieren kann. Vorher wollte ich mich gar nicht mitteilen. Das ist ein Prozess, der für mich gerade begonnen hat.

Hans: Der Kurs war genau das, was wir uns vorgestellt haben. Wie gelingt es, unsere Arbeit, mit der wir gerade anfangen, auf eine professionelle Basis zu stellen? Für mich haben die Reflexionen über unser konkretes Projekt viel gebracht – sie helfen unsere künstlerische Tätigkeit zu verbreiten, zu vertiefen, zu professionalisieren.

Maria: Für mich war der Kurs eine Möglichkeit zu sagen, dass ich Probleme mit der Eigenvermarktung habe. Meine Zielsetzungen darlegen, damit ich in den Markt hineinpasse, ruft in mir Widerstände hervor. Die Auseinandersetzung in der Gruppe hat mir aber sehr gut getan.

Alexander: Um sich eine Nische zu schaffen, beschreitet jeder einen anderen Weg. Es gibt viele unterschiedliche Verästelungen im riesigen Baum des künstlerischen Arbeitens, man kann sich einen Platz schaffen ohne im Galeriensystem mitzuspielen – auch ohne Artist Statements zu schreiben. Aber sie sind ungeheuer hilfreich, um zwischen sich und der Außenwelt eine Verbindung herzustellen.

Mariella: Mein Projekt hat sich erst während des Workshops ergeben – der Kurs hat mir die Augen geöffnet. Es war mir zu wenig bewusst, dass ich Förderungen für Ausstellungen bekommen kann. Mein fiktives Projekt – ein Graffiti Workshop für junge Frauen mit Migrationshintergrund – werde ich nun tatsächlich realisieren.

Silvia: Mein Arbeitsgebiet, die Illustration, ist sehr in der Privatwirtschaft angesiedelt. Im Kurs habe ich von öffentlichen Geldgebern erfahren, was mir eine Idee von früher wieder nähergebracht hat, nämlich Workshops mit Kindern und Jugendlichen zu machen. Das war dann auch mein Übungsbeispiel.

Netzwerken

Mariella: Ich habe alle Aufträge bekommen, weil ich mit den Leuten geredet habe – alles lief über Kontakte, Instagram etc. Niemand kommt zufällig auf deine Website. Man muss aktiv suchen, Magazinen folgen, Portfolios an Verlage schicken – besser man kennt die Leute dann schon. Man kann an klassischen Netzwerk-Events teilnehmen, z.B. creative Mornings, Frauennetzwerke usw. Illustratoren-Wettbewerbe sind oft verschwendete Arbeitszeit, aber vielleicht liegt die Idee ja schon in der Schublade.

Zu guter Letzt wird noch der altbewährte „Elevator-Pitch“ besprochen: In zwanzig Sekunden verkürzt in vorgeübtem Wording ausdrücken, was man erreichen will, sich hemmungslos Journalisten krallen, penetrant sein, das geringste Interesse schamlos ausnützen und so oft es geht, über sich und seine Arbeit sprechen. Nein, ohne Schmäh: Man muss üben und es wirklich ernst meinen.

Auch für Alexander hat der Kurs etwas gebracht – nämlich positive Überraschungen: Fast alle TeilnehmerInnen haben soziale, idealistische Projekte gewählt, verknüpft mit Migration, Bildung, Therapie. Und wirklich jeder hat einen Ankerpunkt gefunden.
Und was habe ich gelernt? Für den Erfolg spielen viele Faktoren eine Rolle – ein großes Stück des Erfolges aber kann man selbst generieren. Alle TeilnehmerInnen haben – nicht zuletzt durch den Kurs – das Zeug, ihren Weg zu finden.
Ich drücke die Daumen.

Kurse von Alexander Felch im Sommersemester 2019: