Kunst studieren? Design studieren? Strategische Überlegungen für Bewerbungen an Akademien und Kunstuniversitäten
Entscheidend für die Zulassung an einer Kunstuniversität oder Akademie ist, sich durch eine Bewerbung mit dezidiert persönlichem Profil von anderen Bewerber*innen abzusetzen. Wir haben mit unserem Dozenten Jörg Jozwiak gesprochen und die wichtigsten Tipps zusammengefasst.
1. Gib Dir Zeit
Wer sich seit dem BE-Unterricht das erste Mal intensiv mit künstlerisch-gestalterischen Fragestellungen beschäftigt und keine explizit künstlerisch ausgerichtete Schule besucht hat, sollte auf jeden Fall den übernächsten Mappenabgabetermin ins Auge fassen – nicht den nächsten. Einen überzeugenden und individuellen künstlerischen Ausdruck zu entwickeln, der in einem Bewerbungsverfahren eine Chance hat, braucht Zeit.
2. Welche Studienrichtungen gibt es – und wer leitet die Klassen?
Schritt 1: Internetrecherche
Versorge Dich mit allen Informationen zum Studium, die Dir die Internetseiten der Hochschulen bieten. Mach Dich mit den Fachklassen und den Interessen der Professor*innen vertraut.


Anschließend die Namen der relevanten Professor*innen in eine Suchmaschine eingeben und recherchieren, was für Kunst sie machen. Interviews lesen, sofern verfügbar. Oft ist es auch besonders hilfreich, die Namen zuerst in die Bildersuche oder bei Youtube einzugeben – Abbildungen von Arbeiten sagen sehr viel aus. Aber Achtung: Das sind lediglich Anhaltspunkte. Gute Professor*innen unterstützen auch künstlerische Ansätze, die nicht ihrer eigenen Arbeit ähneln. Nichtsdestoweniger ist es sinnvoll zu schauen, mit wem es hinsichtlich der eigenen Ideen und Formensprache voraussichtlich Schnittmengen gibt – für die Bewerbung wie für den Austausch im Studium.
Schritt 2: Das Gespräch suchen
Setz Dich per Mail, telefonisch oder persönlich mit den Klassen in Verbindung, die Dich interessieren. Der erste Kontakt geht häufig über eine*n Assistent*in der Professur, manchmal über den*die Professor*in selbst. Wenn beim ersten Mal nicht geantwortet wird, probier's wieder. Freundlich aber hartnäckig sein! 😀 Ziel: Termin vereinbaren.
Schritt 3: Persönlicher Termin
Zeige eigene Arbeiten, bitte um Kritik und Anregungen. Hilfreiches mitschreiben – diese Infos sind sehr wertvoll.
Bei der Recherche gilt es herauszufinden:
- Entsprechen die künstlerischen Interessen, die in der Klasse verfolgt werden, den eigenen?
- Ist mir der*die Professor*in sympathisch – habe ich das Gefühl, dass die menschliche Ebene passen würde?
- Kann ich Tipps zur weiteren Arbeit an meiner Mappe bekommen?
Hinweis: Zieh nicht nur die Wiener Hochschulen in Betracht, wenn es Deine Lebensplanung zulässt. Oft ist die interessanteste Fachklasse nicht gerade hier. Eine Liste von Kunsthochschulen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern findest Du bei Wikipedia: Liste von Hochschulen für Bildende Kunst. Für Design ist diese Seite auf bachelorstudies.de hilfreich.
3. Leitgedanke bei der Mappengestaltung
Ein guter Ausgangspunkt ist, zu überlegen, welche Phänomene Dir in der Welt besonders auffallen und welche Themen Dich auch außerhalb der Kunst interessieren:
- Was berührt und bewegt Dich?
- Wer bist Du?
- Was heißt es, hier und heute zu leben?
- Was beobachtest Du in Deinem Alltag?
- Was willst Du noch ergründen?
- Was kannst Du dem Vorhandenen als Neues hinzufügen?
- Was macht Dich ein bisschen „komisch"?
- Welche Wagnisse und Experimente hast Du schon vorzuweisen?
4. Strategien zur Themenfindung (Beispiele!)
Um mit einer Mappe zu überzeugen ist in erster Linie wichtig zu zeigen, dass Du eine interessante Person bist. Die Gutachter*innen wollen „sehen wie Du siehst" – nicht ob Du eine bestimmte Technik beherrschst. (Achtung: Ausnahmen! In einigen Studiengängen sind bestimmte handwerkliche Fähigkeiten gefragt. Für Restaurierung solltest Du beispielsweise sehr gut naturalistisch zeichnen können. Ähnliches gilt für manche Fachhochschul-Studiengänge in Design und für Bewerbungen an einigen ausländischen Hochschulen. Erkundige Dich diesbezüglich rechtzeitig.)
Grundsätzlich gilt: Meide zu große Themen wie „die Emotionen" oder „das Bild der Frau in der Werbung". Fokussiere das Thema. Verlasse Dich auf Beobachtungen aus Deinem Alltag und Deine persönlichen Interessen. Forsche, spiele und experimentiere. Die folgenden Strategien sind Empfehlungen für den Einstieg – bitte beachte ihren exemplarischen Charakter.
- Denke an ein kleines, bemerkenswertes Phänomen aus Deinem Alltag – etwas Skurriles, Interessantes; etwas, das der Wahrnehmung anderer entgeht oder das Du vielleicht kritikwürdig findest. Vielleicht sind es Fliegen, die unter Wohnzimmerlampen kreisen, Zigarettenkippen auf der Straße, Dinge die zwischen Bahngleisen liegen, „Landschaften" aus zerwühltem Bettzeug am Morgen... Finde Dein eigenes Thema. Suche verschiedene Beispiele für das ausgewählte Phänomen und halte diese in Fotos, Skizzen, Videos und Notizen fest.
- Wähle ein beliebiges Motiv – etwa einen Gegenstand oder ein Körperteil. Repräsentiere es mit Materialien, die nicht zu den klassischen Medien der Kunst gehören (keine Stifte, keine Pinsel, kein Ton, keine Fotos etc.). Verwende Material, das Du im Mist, in der Natur, im Baumarkt oder im Supermarkt findest. Frage Dich dabei: „Welches Material passt zu dem Thema? Wie wird mein Motiv wahrgenommen, wenn es in einem bestimmten Material präsentiert wird? Wie verändert das Material die Sicht darauf?"
- Wähle ein beliebiges Motiv und „porträtiere" es so, wie man es bisher noch nicht gesehen hat – oder so, dass es in der Darstellung scheinbar wie etwas anderes wirkt. Wähle dafür ungewöhnliche Ausschnitte, Detailansichten, Perspektiven und Beleuchtungen. Nutze zunächst Fotos, dann Zeichnungen, später vielleicht weitere Medien. Schaffe so eine neue Sicht auf ein Ding.
- Schaffe ein kleines, wundersames Phänomen im Alltag oder im öffentlichen Raum. Eine Google-Bildersuche nach Interventionskunst oder Intervention art kann hier auf Ideen bringen.
5. Tendenziell zu vermeiden
Häufig gesehen und oft problematisch für Bewerbungsmappen:
- Surrealismus, Gothic- & Fantasy-Motive
- Akte, Skelette, Totenschädel, Turnschuhe, Zwiebeln als Zeichenmotive (siehe aber mögliche Ausnahmen unter Pkt. 4)
- Zeichnungen von Muskelhelden, depressiven oder melancholischen Mädchengestalten, Fabelwesen. Besonders schwierig: Figuren mit dekorativen, surrealen oder mangaartigen Elementen ohne konkrete Funktion (eine solche wäre ihr Auftauchen in einem Comic, Plakat oder Storyboard)
- Reine Ornamente
- Portraits (mit einigen Ausnahmen)
Für den Bereich Bildende Kunst vermeide tendenziell alles, was Du folgendermaßen beschreiben würdest:
- „Ich wollte ... symbolisieren"
- „Ich wollte Gefühle ausdrücken"
- „Ich wollte ein schönes Bild malen"
- „Ich wollte etwas Phantasievolles malen"
6. Zeichnen, fotografieren, sammeln
Zeichnen – der Klassiker
Es ist schon lange nicht mehr gefragt, eine Auswahl naturalistischer Zeichnungen klassischer Sujets – Akt, Portrait, Landschaft, Stillleben, Architektur – vorzuweisen. Trotzdem lässt sich durch gute Zeichnungen nach wie vor punkten, und in vielen Fächern (insbesondere Design und Architektur) ist die Demonstration entsprechender Fähigkeiten weiterhin wichtig. Achte auch hier darauf, Motive, Ausschnitte und Perspektiven zu wählen, die Dich interessieren.
Du wirst Dich für die meisten Fächer mit weiteren Techniken beschäftigen – Zeichnungen sind oft nur ein Teil der Bewerbung. Trotzdem sind sie eine Konstante in vielen Mappen.
Tipp: Besorge Dir ein kleines Skizzenbuch (Format A6–A4) für unterwegs. Mach Zeichnungen von Dingen, Menschen und Szenen, wenn Du auf den Bus wartest oder einen Ausflug machst. Oft reichen ein paar Striche. Zeichnerische Fähigkeiten sind keine Voraussetzung für ein künstlerisches Studium per se – also keine Sorge, wenn dies nicht Deine Stärke ist.
Fotografieren
Die Kamera im Handy oder ein Fotoapparat sind großartige Werkzeuge, um im Alltag schnell etwas zu dokumentieren. Wenn Du denkst: „Das sieht interessant aus" oder „Das könnte ich vielleicht gebrauchen" – mach ein Foto.
Tipp: Besorge Dir eine Pinnwand für zu Hause (im Baumarkt gibt es Weichfaserplatten, die sich gut eignen, preisgünstig sind und große Formate zulassen). Hier kannst Du alles sammeln, gruppieren, arrangieren und auf Dich wirken lassen: eigene Zeichnungen und Fotos, aber auch Zeitschriftenausschnitte und Texte.
7. Sei informiert
Tage der offenen Tür. Besuche öffentliche Veranstaltungen der Hochschulen, insbesondere die Rundgänge (Jahresausstellungen der Studierenden). Versuche, mit Studierenden ins Gespräch zu kommen.
Ausstellungen in Wien. Sieh Dir Ausstellungen zeitgenössischer Kunst an. Es ist sehr gut, auf dem Laufenden zu sein – zu wissen, was Künstler*innen heute machen und was in Galerien und Museen gezeigt wird: Belvedere 21, Sezession, Mumok, Kunsthalle Exnergasse etc. Eine gute Quelle, um regelmäßig zu erfahren, was in Wien läuft, ist der eSeL-Kalender: esel.at/termine
Weltweit. Im Präsenzbestand der Bibliotheken der Wiener Kunsthochschulen findest Du Zeitschriften aus den Bereichen Kunst, Design und Architektur – ohne Nutzer*innenausweis, vor Ort einsehbar. Das sind gute Quellen, um zu erfahren, womit Künstler*innen aktuell erfolgreich sind. Empfehlenswert für Bildende Kunst: Kunstforum, Artforum, Frieze, Flash Art und Leonardo. Für Studium der Bildenden Kunst: contemporaryartdaily.com als Startseite einrichten. Für Architektur: archdaily.com. Für Design: eine ähnliche Quelle suchen und uns den Link schicken. 😉
Kunstgeschichte. Ein grober Überblick über die Kunst-, Design- und Architekturgeschichte kann nicht schaden. In welchen Traditionen steht die eigene Arbeit? Wer hat vielleicht schon vor langer Zeit ähnliche Fragen bearbeitet? Schau durch stilgeschichtliche Überblickswerke; informiere Dich insbesondere über die Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Einen ersten Überblick bietet auch die Mediathek des Bayerischen Rundfunks: Die Geschichte der Kunst – ARD Alpha
Die Beschäftigung mit dem, was andere machen und gemacht haben, soll auf keinen Fall Deine Hauptbeschäftigung werden – das Wichtigste ist Deine eigene Arbeit. Sich in der Kunst-, Design- oder Architekturgeschichte etwas auszukennen, erfüllt aber wichtige Funktionen:
- Zu sehen, was andere machen, ist oft sehr inspirierend.
- Du findest vielleicht „Geistesverwandte" oder auch Positionen, von denen Du Dich bewusst abgrenzen möchtest.
- Bei einem Bewerbungsgespräch bist Du argumentativ flexibler, kannst Vergleiche ziehen und zeigen, dass Du Dich für die Kunstwelt interessierst.
8. Links
Sehr umfangreiche Sammlung von Tipps bei wikibooks – allerdings z.T. mit Vorsicht zu genießen.
Vor allem für Interessent*innen an einem Designstudium: Forum für Studierende und Bewerber*innen mit Beispielen erfolgreicher Mappen aus Deutschland: precore.net
In eigener Sache: Gemeinsam mit meiner Kollegin Claudia Antonius berate ich angehende Bewerber*innen im Rahmen einer Online Mappenvorbereitung.
Alle Empfehlungen in diesem Beitrag basieren auf Erfahrungswerten und persönlichen Einschätzungen des Autors. Dieser übernimmt keine Garantie für die jeweilige Anwendbarkeit im konkreten Einzelfall. Sich gut bei der gewünschten Hochschule über den eigenen Studienzweig zu informieren ist unabdingbar.