Lernen ist Leben
Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück. Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt irgendwann an die Quelle.
Für manche klingt lebenslanges Lernen wie Strafe, für andere ist es pures Glück. Was haben wir davon, ein Leben lang zu lernen und zu wachsen?
Bewegung statt Stillstand
Der wichtigste Grund ist wohl, dass unser Gehirn für das Lernen gebaut ist. So wie unser Körper die Bewegung braucht, um jung und beweglich zu bleiben, braucht das Gehirn Neues. Hören wir auf zu lernen, verkalkt es nicht nur sprichwörtlich. Alzheimer und Demenz kann man durch Lernen vorbeugen. Auch die Ursache von Depression wird mit fehlendem Lernen oder Lernerfolg in Verbindung gebracht. Während Neues glücklich macht, ist das Verharren im Misserfolg Grund für Verstimmung und verringertes Selbstwertgefühl.
Der Zen-Buddhismus kennt für diesen euphorischen Zustand des Beginnens den Begriff des Shoshin – Anfängergeist. Man erschließt sich ein neues Gebiet mit der größtmöglichen Offenheit, bereit, alles Neue aufzunehmen, ohne zu urteilen. Schwierig wird es, diese Haltung auch dann zu behalten, wenn man Fortschritte gemacht hat. Da in der Kunst der eigene Blick geschult wird, eignet sich das künstlerische Lernen besonders, den Anfängergeist zu kultivieren. Etwas Neues zu beginnen erinnert an den Zauber des Anfangs – mit ein wenig Hingabe gelingt es, diesen auch in andere Lebensbereiche mitzunehmen.
Persönlichkeiten wachsen
Wer lernt, betritt Neuland. Außerhalb der Komfortzone sind wir auf uns alleine gestellt und lernen uns selbst neu kennen. In dieser Überwindung trainieren wir Willenskraft und Selbstkontrolle. Wer mutig ist und das Neue sucht, wird mit Flexibilität belohnt: In ungewohnten Situationen bleiben wir offen und gelassen, finden unkonventionelle Lösungen und haben die Entschlossenheit, diese auch umzusetzen. Wer sich regelmäßig selbst neue Ziele setzt, geht aktiv durchs Leben – und stellt sich dabei den Ängsten, nicht zu genügen oder zu versagen.
Die Arbeit mit den Händen, die Schulung des Blickes und das Erforschen von Material sind nicht nur sinnliche Forschung. Im geschützten Rahmen der Kunst üben wir Entscheidungen. Grün oder Blau? Mehr oder weniger? Hier oder da? So lernen wir Entscheidung für Entscheidung unsere eigenen Präferenzen und Sichtweisen besser kennen. Wir stehen zu Entschlüssen und wagen Experimente, weil Angst vor Fehlern als unbegründet erlebt wird. Mit neuem Wissen, Selbstvertrauen und Toleranz gegenüber den eigenen Schwächen werden wir belohnt.
Demut vor dem Wissen
»Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.« Bedeutet konkret: Wer wenig über eine Sache weiß, empfindet auch weniger Leidenschaft. Wenn wir die Dinge im Detail studieren, steigt unser Wissen und Können. Nur dadurch verstehen wir auch die Kunstfertigkeit hinter den Werken anderer: Wir lernen Demut. Wer sein Verständnis für Kunst steigern möchte, wird also am besten selbst tätig.
Durch fortschreitendes Wissen, durch ein Aha-Erlebnis, verstehen wir, wie wenig wir davor wussten. Je öfter wir solche Sprünge der Erkenntnis haben, desto mehr erkennen wir, dass unser Wissen begrenzt ist: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Das ist auch ein Grund dafür, warum wahre Meister ihres Faches sich nie für sogenannte Anfängerübungen zu schade sind. Durch Wiederholung wird jede neue Erkenntnis mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft und verglichen. Aus den banalsten Übungen heraus verstehen wir plötzlich Zusammenhänge, die uns die Welt erschließen.
Erfahrungswerte und Selbsterkenntnis können wir weitergeben. Die Erkenntnis um das eigene Nichtwissen lässt sich auf andere Lebensbereiche übertragen – begegnet man dem Wissen anderer mit Respekt, steigt die gegenseitige Wertschätzung. Wenn wir uns künstlerisches Wissen aneignen, erwerben wir nicht nur praktisches Können: Am Ende des Schaffensprozesses steht auch ein Werk, das unsere Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. So sind Kunstwerke Zeugnisse von Schaffensprozessen, die wir mit fortschreitendem Wissen zu lesen lernen.
Menschen und Netzwerke
Lernen ermöglicht es uns, Menschen in unserem Umfeld neu zu erleben – und spannende neue kennenzulernen. Seien es unsere Dozent*innen der Zeichenfabrik, die als Expert*innen ihres Faches die Kurse gestalten, oder Künstler*innen, denen wir auf Vernissagen, in Ausstellungen und bei Veranstaltungen begegnen. Wer Kunst lernt, wird aktiver Teil eines Netzwerkes.
Kreative, die von einer ähnlichen Leidenschaft getrieben werden, haben viel zu erzählen – vor allem sich gegenseitig. Durch den Austausch wächst das persönliche Netzwerk um Menschen, die inspirieren und denen wir Inspiration sind. Die Teilnahme an Kursen ist immer auch ein Zusammenschluss Gleichgesinnter: Das Arbeiten im gleichen Raum erzeugt eine ansteckende Sogwirkung. Auch wenn der Tag mal nicht so gut war, ermöglicht die Kraft der Gruppe den gemeinsamen Flow.
Die künstlerische Tätigkeit ist eine persönliche Art und Weise, Kontakt herzustellen und Nähe zu erfahren. Wenn man den eigenen Blick auf einem Menschen ruhen lässt, um Konturen und Formen von Gesichtern auf Papier zu bringen, schafft man unweigerlich Intimität. Die Geschichten, die wir in der Kunst ohne Worte transportieren, sind die Geschichten für andere, die von uns bleiben. So wird Kunst eine Auseinandersetzung mit dem Menschlichen – und ist Ziel jeder Bildung.