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Die Kunst der Muße

Müßiggang war einmal eine Todsünde – heute ist er eine Kompetenz. Ein Essay darüber, warum kreative Pausen nicht Zeitverschwendung sind, sondern die Bedingung für gute Ideen.

18.10.2017·4 Min.
Die Kunst der Muße
Foto: Hoa Luo

Muße – auch Müßiggang – bezeichnet den Zustand einer zweckfreien Zeit und die bewusste Pause vom „Dringlichen“. Sie ist keine Faulheit, sondern die Kunst, dem Geist Raum für Konzentration und Entspannung zu geben.

Das Dringliche ist selten wesentlich. Das Wesentliche ist selten dringlich.
Dwight D. Eisenhower (zugeschrieben)

Lange war Müßiggang verpönt – als Trägheit (lateinisch acedia) zählte er in der christlichen Lehre sogar zu den sieben Todsünden. Doch in einer Arbeitswelt, die immer schneller wird, gewinnt die Auszeit neue Bedeutung. Ein ausgedehnter Spaziergang, Kochen, Malen, Musik – erlaubt ist, was den Geist in die Ferne schweifen lässt und gleichzeitig die Wahrnehmung in konzentrierter Entspannung hält.

Das Innehalten der Muße gibt Ideen die Chance, in stillen Momenten in Erscheinung zu treten. Gute Lösungen stellen sich oft erst ein, wenn man nach angestrengter Arbeit dem Geist eine Pause gönnt. Die Muße ist demnach kein Nichtstun, sondern eine Pause des zweckgerichteten Tuns.

Kunst als Muße fordert die Wahrnehmung und bringt das Denken auch im Alltag auf neue Bahnen: der meditative Charakter des Zeichnens, die Wiederholung und Verfeinerung subtiler Handbewegungen, das Gleiten von Stift auf Papier, das wachsame Beobachten.

Das Glück scheint in der Muße zu liegen.
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch X

Muße in diesem Sinne ist auch Selbstverwirklichung. Viele Denker haben die Muße verteidigt: Paul Lafargue forderte 1880 ein „Recht auf Faulheit“, Bertrand Russell schrieb 1932 ein „Lob des Müßiggangs“.

Muße als Privileg

Nicht von ungefähr ist Muße für viele ein Sehnsuchtsort. Als Privileg war das zweckfreie Handeln in Form von Literatur, Musik und Handarbeit jahrhundertelang Zeitvertreib der Mächtigen aus Adel und Klerus. Die schöpferische Tätigkeit, die nicht vordergründig der materiellen Existenzsicherung diente, wurde als Anregung des Geistes und wegen der Entfaltung des menschlichen Potenzials geschätzt.

Für Gehetzte: Zeit nehmen

Dieses Potenzial zu entfalten gilt auch heute noch. Besonders dann, wenn man am wenigsten Zeit zu haben scheint, sollte man sich am meisten davon gönnen. Denn hinter unseren Kommunikationskanälen verstecken sich Mechanismen, die auf Dauer dem Gehirn schaden können.

Reize reizen

Unsere Wahrnehmung liebt neue Information und reagiert auf eingehende Nachrichten mit der Aktivierung des Belohnungszentrums des Gehirns. So kann sich ein Kreislauf aus immer mehr und immer schneller aufbauen, der zu einer Dauerbelastung werden kann. Dabei ist das Getriebensein nicht nur nachweislich schlecht für die Gesundheit – wir leben außerdem an den lebenswerten Momenten vorbei. Als Möglichkeit der Selbstverwirklichung ist die Muße ein kontrollierter Rückzug aus dem Alltag.

Notwendiges Laster

Die Hirnforschung kennt ein Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network), das gerade dann aktiv wird, wenn wir nichts Bestimmtes tun – es wird mit Tagträumen und Einfällen in Verbindung gebracht. Die Vielzahl an Reizen, die auf uns einströmen, verdichtet sich zu einem Reiz-Reaktionsmuster, das uns täglich zu tausenden Reaktionen auffordert – Werbung, Arbeit, Privates. Diese Forderungen werden auf Dauer als Fremdbestimmtheit wahrgenommen, da die eigene Zeit nicht mehr frei verfügbar scheint.

Entscheidet man sich aktiv für eine Auszeit, gewinnt man auch die Deutungsmacht über das eigene Zeitempfinden zurück. Das ist auch der Grund, weshalb verpflichtende Spaßprogramme engagierter Personalabteilungen nicht immer funktionieren: Muße lässt sich nicht erzwingen, sie entzieht sich der Macht des Befehls. Als aktive Entscheidung zeigt sie den Wunsch nach konzentrierter Ruhe auf und sucht nach ganz persönlichen Vorlieben des Ausdrucks.

Rosinen braucht der Teig

Die Muße ist somit ein Innehalten, ein Überlegen, was wir für uns selbst wollen und brauchen. Außerdem ist Muße Vor- und Nachbereitung der eigenen gesellschaftlichen Aufgabe und Verantwortung: Reflexion, Sammlung, Inspiration, Ruhepol. Die Mußestunden werden zu einem Ort des Perspektivenwechsels, von wo aus die Herausforderungen des Alltags in anderem Licht gesehen werden können.

Flow-Meditation

Das Erlebnis der Muße ist ein Wechsel zwischen Entspannung und Konzentration, ähnlich dem Flow, den der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi beschrieben hat. Wie durch einen Filter verschwinden unwichtige Details, während man sich in die Essenz einer Sache vertiefen kann, bevor der Fokus unmerklich wieder auf das große Ganze wechselt. Wer regelmäßig in der Muße die vielfältigen Fertigkeiten der Faulheit übt, kann auch im Alltag Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und sich länger auf gesetzte Prioritäten konzentrieren.

Lernen und Muße

Bei näherer Betrachtung ist die Muße mit dem Konzept des spielerischen Lernens verwandt. Das altgriechische Wort scholḗ (σχολή) bedeutet zunächst „Rast, Muße“, dann die Beschäftigung, der man sich in der Muße widmet: gelehrte Unterhaltung, Vortrag, schließlich den Ort des Unterrichts. Über das lateinische schola wurde daraus unsere „Schule“.

Auch die Lernforschung zeigt, dass Stress und Angst das Lernen behindern. Erkenntnis und nachhaltiges Einprägen finden in der Muße statt, wenn die Gedanken den Raum haben, sich nach allen Seiten zu öffnen. Die träge Leichtigkeit der Muße ermöglicht es, ganz in einer Sache aufzugehen – erst durch so eine tiefgehende Betrachtung erschließen sich neue Zusammenhänge.

Auch deshalb sind an Schulen die musischen Fächer nach wie vor wichtige Bestandteile des Unterrichts: Muße muss gelernt werden, um auch in anderen Bereichen des Lebens zu wirken. Dann kann sie überall gefunden werden und trägt zur Entwicklung der Persönlichkeit bei.

Zukunftskompetenz durch Muße

Die Muße schult die gefragte Kompetenz des kreativen Denkens und lehrt gleichzeitig das langfristige Planen – beides Fähigkeiten, die zu Unrecht als Gegensätze gehandelt werden. Statt reaktive Lösungen zu finden, ermöglicht uns die in der Muße geübte Ruhe das Denken völlig neuer Konzepte.

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