Die Kunst der Muße
Muße – auch Müßiggang – bezeichnet den Zustand einer zweckfreien Zeit und die bewusste Pause vom „Dringlichen". Sie ist keine Faulheit, sondern die Kunst, dem Geist Raum für Konzentration und Entspannung zu geben.
Das Dringliche ist selten wesentlich. Das Wesentliche ist selten dringlich.
Lange war Müßiggang verpönt – unter dem Namen Träg- oder Faulheit ein Laster, in der christlichen Theologie sogar eine Todsünde. Doch in Zeiten des globalen Arbeitswahnsinns gewinnt das Konzept der Auszeit eine neue Dimension. Ein ausgedehnter Spaziergang, Kochen, Malen, Musik – erlaubt ist, was den Geist in die Ferne schweifen lässt und gleichzeitig die Wahrnehmung in konzentrierter Entspannung hält.
Das Innehalten der Muße gibt Ideen die Chance, in stillen Momenten in Erscheinung zu treten. Die besten Lösungen kommen bekannterweise erst dann zustande, wenn man nach quälender Arbeit dem Geist eine Pause verschafft. Die Muße ist demnach kein Nichtstun, sondern eine Pause des zweckgerichteten Tuns.
Kunst als Muße fordert die Wahrnehmung und bringt das Denken auch im Alltag auf neue Bahnen: der meditative Charakter des Zeichnens, die Wiederholung und Verfeinerung subtiler Handbewegungen, das Gleiten von Stift auf Papier, das wachsame Beobachten.
Den Alltagsstress hinter sich lassen
Der meditative Charakter des Zeichnens ist der direkte Weg in einen Zustand kreativer Muße. Mindfulness im kreativen Fluss und Dance. Drama. Dream. Draw. sind genau dafür konzipiert.
Die Glückseligkeit des Menschen ist nur in Muße zu erreichen.
Muße in diesem Sinne ist auch Selbstverwirklichung. Genügend Philosophen haben die Muße als ihre Muse verteidigt und der Menschheit sogar das Recht auf Faulheit attestiert.
Macht Muße schön & erfolgreich?
Nicht von ungefähr ist Muße für viele ein Sehnsuchtsort. Als Privileg war das zweckfreie Handeln in Form von Literatur, Musik und Handarbeit jahrhundertelang Zeitvertreib der Mächtigen aus Adel und Klerus. Die schöpferische Tätigkeit, die nicht vordergründig der materiellen Existenzsicherung diente, wurde als Anregung des Geistes und wegen der Entfaltung des menschlichen Potenzials geschätzt.
Für Gehetzte: Zeit nehmen
Dieses Potenzial zu entfalten gilt auch heute noch. Besonders dann, wenn man am wenigsten Zeit zu haben scheint, sollte man sich am meisten davon gönnen. Denn hinter unseren Kommunikationskanälen verstecken sich Mechanismen, die auf Dauer dem Gehirn schaden können.
Reize reizen
Unsere Wahrnehmung liebt neue Information und reagiert auf eingehende Nachrichten mit der Aktivierung des Belohnungszentrums des Gehirns. So kann sich ein Kreislauf aus immer mehr und immer schneller aufbauen, der zu einer Dauerbelastung werden kann. Dabei ist das Getriebensein nicht nur nachweislich schlecht für die Gesundheit – wir leben außerdem an den lebenswerten Momenten vorbei. Als Möglichkeit der Selbstverwirklichung ist die Muße ein kontrollierter Rückzug aus dem Alltag.
Notwendiges Laster
Manche Hirnforscher vermuten sogar, dass die Muße ein notwendiger Bestandteil eines erfüllten Lebens ist. Die Vielzahl an Reizen, die auf uns einströmen, verdichten sich zu einem Reiz-Reaktionsmuster, das uns täglich zu tausenden Reaktionen auffordert – Werbung, Arbeit, Privates. Diese Forderungen werden auf Dauer als Fremdbestimmtheit wahrgenommen, da die eigene Zeit nicht mehr frei verfügbar scheint.
Entscheidet man sich aktiv für eine Auszeit, gewinnt man auch die Deutungsmacht über das eigene Zeitempfinden zurück. Das ist auch der Grund, weshalb verpflichtende Spaßprogramme engagierter Personalabteilungen nicht immer funktionieren: Muße lässt sich nicht erzwingen, sie entzieht sich der Macht des Befehls. Als aktive Entscheidung zeigt sie den Wunsch nach konzentrierter Ruhe auf und sucht nach ganz persönlichen Vorlieben des Ausdrucks.
Rosinen braucht der Teig
Die Muße ist somit ein Innehalten, ein Überlegen, was wir für uns selbst wollen und brauchen. Außerdem ist Muße Vor- und Nachbereitung der eigenen gesellschaftlichen Aufgabe und Verantwortung: Reflexion, Sammlung, Inspiration, Ruhepol. Die Mußestunden werden zu einem Ort des Perspektivenwechsels, von wo aus die Herausforderungen des Alltags in anderem Licht gesehen werden können.
Flow-Meditation
Das Erlebnis der Muße ist ein Wechsel zwischen Entspannung und Konzentration, ähnlich wie beim sogenannten Flow-Effekt. Wie durch einen Filter verschwinden unwichtige Details, während man sich in die Essenz einer Sache vertiefen kann, bevor der Fokus unmerklich wieder auf das große Ganze wechselt. Wer regelmäßig in der Muße die vielfältigen Fertigkeiten der Faulheit übt, kann auch im Alltag Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und sich länger auf gesetzte Prioritäten konzentrieren.
Lernen und Muße
Bei näherer Betrachtung ist die Muße mit dem Konzept des spielerischen Lernens verwandt. Das altgriechische Wort scholae bezeichnet die „Gelegenheit oder Möglichkeit, etwas zu tun" – also das Ausüben einer Tätigkeit, die nicht direkt mit Arbeit oder einem Nutzen verbunden ist. Das lateinische Lehnwort scola bezieht sich zunächst auf die Ruhebänke in Gemeinschaftsräumen.
Auch hier bestätigt die Forschung, dass Lernen nicht unter Zeitdruck und Angst passiert. Erkenntnis und nachhaltiges Einprägen finden in der Muße statt, wenn die Gedanken den Raum haben, sich nach allen Seiten zu öffnen. Die träge Leichtigkeit der Muße ermöglicht es, ganz in einer Sache aufzugehen – erst durch so eine tiefgehende Betrachtung erschließen sich neue Zusammenhänge.
Auch deshalb sind an Schulen die musischen Fächer nach wie vor wichtige Bestandteile des Unterrichts: Muße muss gelernt werden, um auch in anderen Bereichen des Lebens zu wirken. Dann kann sie überall gefunden werden und trägt zur Entwicklung der Persönlichkeit bei.
Zukunftskompetenz durch Muße
Die Muße schult die gefragte Kompetenz des kreativen Denkens und lehrt gleichzeitig das langfristige Planen – beides Fähigkeiten, die zu Unrecht als Gegensätze gehandelt werden. Statt reaktive Lösungen zu finden, ermöglicht uns die in der Muße geübte Ruhe das Denken völlig neuer Konzepte.