Foto @ Stefan Bachmann

Kann man zeichnen lernen? 5 Grundlagen-Tipps von unserer Expertin

Die wichtigste Voraussetzung, um etwas zu lernen, ist Talent. Richtig? Falsch! Viel zu oft halten wir uns selbst von Dingen ab, weil wir an alten Glaubenssätzen festhalten. Zeichnen, Jonglieren und Kopfstand kann man lernen. In jedem Alter!

Was es braucht, um das Zeichnen zu lernen, sind Tipps und Anleitung von Profis. Wir haben mit unserer Dozentin Claudia Antonius gesprochen und die wichtigsten Tipps für Anfänger und Fortgeschrittene zusammengefasst.

1. Wie fängt man an?

Die Grundlage liegt in dir selbst! Als erstes findest du heraus, was dir gefällt. Was ist eine gute Zeichnung für dich? Das definiert, wo du später hin möchtest. Ist es das Perspektivische, das im Vordergrund steht? Gefallen dir Stillleben am besten? Ist eher Fläche spannend oder Volumen? Wer von Null auf mit dem Zeichnen beginnen möchte, macht sich im ersten Schritt Gedanken darüber, was die eigenen visuellen Vorlieben sind.
Deswegen Tipp 1 der Expertin: Schauen! Im Museum, in der Galerie, auf der Straße: Beobachten, was dem Auge gefällt!

2. Austausch mit anderen

Im Prozess des Lernens ist es wichtig, sich mitzuteilen. Es reicht also nicht aus, Bilder anderer nur zu studieren - der Austausch darüber, was gefällt und was anders sein könnte, bringt dich in Kontakt mit Menschen. Diese interessieren sich genauso wie du für das Zeichnen, Malen und Zeigen. Es gibt also nichts zu verlieren! Wenn du im Freundes- und Bekanntenkreis niemanden hast, mit dem du dich austauschen kannst, dann findest du Ansprechpersonen in Führungen und Vermittlungsprogrammen von Museen, in Galerien und natürlich in Zeichen- und Malkursen. Also einfach über den eigenen Schatten springen und Leute ansprechen! Man kann nur voneinander lernen.
Tipp 2: Sprich über Kunst! Finde Worte für das, was gefällt. Was über die Worte hinausgeht, ist das gemeinsame Staunen über die Kunst.

3. Dem Auge vertrauen

Wer zeichnen lernen will, muss dem Auge vertrauen. Nur zu oft schaltet sich das Gehirn ein und vervollständigt das Gesehene im Kopf. Beim Zeichnen ist das aber kontraproduktiv! Um das Gesehene möglichst unverfälscht aufs Papier zu bringen, muss man lernen, dem Auge zu vertrauen. Die Aufmerksamkeit folgt nur mehr dem Blick. Die Finger setzen um, was das Auge sieht, direkt und ohne Einmischung "von oben". So entstehen ehrliche Bilder, die auch den Betrachter bewegen.
Tipp 3: Vertraue deinem Auge! Versuche, den Kopf auszuschalten und die Bewegung zwischen Hand und Auge zu koordinieren. Das ist Übungs- und Konzentrationssache!

4. Ausbruch aus der Routine

Wann hast du das letzte Mal mit unterschiedlichen Bleistiftstärken gespielt? Wie oft variierst du deine Strichstärke? Wann hast du zuletzt mit Graphit und Kohle gearbeitet? Zeichenübungen sind nicht nur für Anfänger*innen da, auch Fortgeschrittene haben hier die Möglichkeit, mal wieder etwas Neues auszuprobieren. Denn nur zu leicht verliert man sich im Trott der Routine: was man gut kann, macht man gerne.
Aber Achtung: Durch Wiederholung wird man zwar besser, verliert aber auch den Schwung des Neuen. Hin und wieder über den Tellerrand hinauszuschauen, kann die eigenen Zeichentechnik beleben und neue Inspiration bringen. Besonders Fortgeschrittene ruhen sich gerne auf ihrem Können aus. Aber: besser zeichnen lernen ist ein Prozess, der nicht aufhört! Was erscheint auf den ersten Blick unmöglich, langweilig oder zu banal? Zeichenkurse können helfen, über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen.
Tipp 4: Neues Ausprobieren! Wann immer sich die Gelegenheit bietet, etwas anders als sonst zu machen: sei dabei!

5. Mut zum Zauber

Wer schon länger zeichnet, kennt vielleicht das Problem: Manchen Zeichnungen fehlt, obwohl sie gut gemacht sind, das "gewisse Etwas". Die Zeichnung ist doch genau so geworden ist, wie man sich das vorgestellt hat! Der Fehler liegt vielleicht genau darin: Es ist NUR das, was man sich vorgestellt hat. Der künstlerische Prozess setzt dann ein, wenn aus der Summe der Teile mehr wird, als erwartet. Der Zauber des Zeichnens besteht aus dem Unerwarteten, dem man im Prozess begegnet. Planung und Ausführung ist Technik. Die Bewegung, die Intuition, die Überraschung dagegen: das ist die Magie, die entsteht, wenn wir uns auf die Möglichkeit des Scheiterns einlassen.
Tipp 5 (für Leute, die es ernst meinen): Kill your stars!_ Wenn du gut bist und noch besser werden willst, suche erneut den Mut des Scheiterns und lass dich auf den Prozess ein, der zwischen dir und der Leinwand, zwischend dir und dem Material entsteht.

Letzlich geht es darum, den Punkt zu finden, der Spaß macht. Talent war gestern. Heute lernen wir, was uns interessiert und was uns begeistert. Wir scheitern mit Freude. Nur Mut! Schau vorbei! Zeichne!