Mo Häusler - Malen, was der Körper fühlt
Zeichnen, seitdem man den Stift halten kann, ist laut Picasso nichts Besonderes – das wird es erst, wenn man damit nicht mehr aufhören kann. So ist es bei unserer Dozentin Mo Häusler, die ich dort besuche, wo der Großteil ihres umfangreichen Œuvres entstand: in ihrem geräumigen Atelier im sechsten Bezirk, in dem das Licht nicht nur ideal zum Malen ist, sondern auch eine Menge Zimmerpflanzen sprießen lässt.
Malen und Garteln laufen für Mo parallel.
Dinge anlegen, schauen wie sie wachsen – anbinden, zurechtschneiden, zurechtzupfen. Oft beobachte ich nur, was passiert.
Ähnlich werkelt Mo auf frische Art an ihren Bildern – oft intuitiv und absichtslos. Sie bleibt nicht an einer Stelle, dreht das Bild, arbeitet weiter, bis sich durch verschiedene Schichten und Strukturen die Dinge verdichten und Form annehmen. Manche Teile bleiben stehen, andere werden überarbeitet – ein Wechselspiel aus Zerstören und Bewahren.

An der Zeichenfabrik unterrichtet Mo Häusler Kurse zu Zeichnung, Aquarell, Gelliprinting, Abstraktion sowie Theorie-Abende zu Materialkunde oder Komposition.
Sprechende Körper
Das eigentliche Thema unserer Dozentin – Körper und die Faszination darüber – hat früh begonnen, nämlich an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo sie bei Prof. Josef Mikl zum Aktzeichnen ging. Die Liebe für Körperdarstellungen hat sie seitdem nicht mehr verlassen: Wie und wodurch verkrümmt sich der Körper? Wo sind die Kraftlinien, wo geht die Dynamik hin? Körper, die sich bewegen, sind ungeheuer ästhetisch. Wenn die Form des Körpers seiner Funktion entspricht, ergibt sich eine Lebendigkeit, die bestechend ist. Doch die Bilder unserer Dozentin zeigen mehr als nur Anatomie. Die Körper „sprechen" und drücken etwas aus, das unter der Haut liegt: Gefühle, Emotionen, Empfindungen. Sie strotzen voller Kraft und Energie – da ist aber auch etwas Zartes, fast Unschuldiges, und demgegenüber die beinharte Objekthaftigkeit: ein Benützt-Werden, ein Ausgeliefert-Sein.
Das erinnert an Francis Bacon; und tatsächlich hat sich Mo Häusler in ihren Akademiezeiten verboten, sich von ihm beeinflussen zu lassen.
Damals hätte ich ihn entweder kopiert, oder ich hätte weiche Knie bekommen, weil seine Art mit Fleisch umzugehen der meinen ähnlich war.
Am meisten fasziniert sie Maria Lassnig als Vorreiterin der Idee, den Körper nicht von außen zu malen, sondern das physische und psychische Empfinden darzustellen. Ähnlich malt auch Mo Häusler nicht das, was man sieht, sondern das, was der Körper fühlt – und dafür hat sie ihre eigene, für sie typische Körpermalerei gefunden.
Man stelle sich eine Prüfungssituation vor: Wo spürt man die Spannung im Körper? Wo sitzt die Angst? Wo in anderen Situationen der Genuss, die Freude oder der Schmerz? Gefühle haben einen Ort im Körper – sie haben eine Farbe, einen Puls und eine Geschwindigkeit. All das möchte ich malen.
Schatten und wütende Fragen
Die Urfrage ist: Malt man, was man hat, sieht und angreifen kann? Oder malt man, was fehlt – die Utopien, die Schatten? Mo Häusler malt die Utopien – und zwar die dunklen. Nicht, weil sie ein negativer Mensch ist, sondern weil sie den Eindruck hat, dass Idyllen nicht alles zudecken dürfen.
Ich möchte das Ganze rund kriegen. Wenn ich das Leben hochleben lasse, muss ich auch den Tod sehen. Wenn ich nur Licht habe, erkenne ich nichts mehr – es muss auch den Schatten geben.
Schönheit und Ästhetik verlangen bei Mo auch nach der gegenteiligen Seite – dem Vergänglichen, dem Morbiden. Diesen Zugang fand Mo auch bei Prof. Lehmden an der Akademie.
Wir haben uns im morbiden Eck getroffen – das fand ich spannend.
Wer Mo Häusler kennt, weiß, dass sie nichts Nettes malt. Ihre Bilder zwingen zum Hinsehen – sie sind keine Schönmalerei, sondern provozieren und zeigen, was man verbergen will. Viele Jahre hat sie zum Thema Kindheit und dem Verlust derselben durch Erziehung, Drill, Übergriffe oder Missbrauch gearbeitet.
Ich habe anhand der Kinderbilder Fragen heftig und wütend aufgeworfen. Als ich selber Mutter wurde, hat es mich diesbezüglich schwer geschleudert – die Fragen mussten anders gestellt werden.
Sich dem Meereselement nahe fühlend hat die Künstlerin dann begonnen, Wasser- und Schwimmbilder zu malen: Der Körper verliert sich unter Wasser, löst sich gewissermaßen auf – durch die Bewegung entstehen linsenförmige Muster.
Wenn ich schwimme, sieht das für mich genauso aus – nicht äußerlich, sondern so erlebe ich es von innen.
Unter der Oberfläche
An der Wand hängt das Bild „Freudensprung" – die expressive Darstellung zweier Pferde. Pferde sind in der Arbeit der Künstlerin häufig anzutreffen. In ihrer Bewegung, Wildheit und Kraft sind sie ohnegleichen, wobei ihre Schönheit im Kontrast zum hilflosen Ausgesetzt-Sein steht, wenn sie als Haus- oder Nutztier verwendet werden.
Das Thema ist das Gleiche wie bei meinen Kinderbildern – man zähmt sie, verfügt über sie.
Wenn es um existenzielle Gefühle geht, ist zwischen Mensch und Tier nicht viel Unterschied. Auch wenn der Mensch einordnen kann, was passiert, ist er in dem Moment, wo die Angst regiert, wieder Tier. Ein Frosch fürchtet sich anders als ein Pferd.
Hände und Füße sind für die Künstlerin „Möglich-Macher" – Kontakte mit der Welt, mit denen man tun, greifen, sich bewegen kann. Oft sind sie überdimensioniert, so in „Homo homini Lupus", wo sich eine riesige Hand vor dem Antlitz eines Politikers in einen Spielzeugwolf verwandelt. In „Herzschmetterling" gibt es zwei Arme mit großen Händen und einer Naht dazwischen. Was tun Hände, wenn es kein Herz gibt, das sie verbindet?

Zurzeit malt unsere Dozentin vermehrt Gesichter. Wie verändern sich Gesichter durch Emotionen, welche Gefühle zeigen sie? Die Vielschichtigkeit der Arbeiten – keine Portraits im eigentlichen Sinne, sondern archetypische Wesen – lässt einerseits zarte Aspekte, eine Ahnung von etwas durchschimmern; andererseits haben sie etwas Maskenhaftes, ein Wirken-als-ob, das sie wie eine Folie bedeckt und unnahbar erscheinen lässt.
Zur Sache gehen
Grau-Weiß-Töne, verschiedene Arten von Beige, dazu starke Kontraste in Grün, Rot und Orange – so kann man Mos Farbpalette beschreiben. Als Zeichnende hat sie strukturverliebt und linienbetont begonnen und sich langsam in die Malerei hineinbewegt. Irgendwann kamen Zusatzfarben – das hat sich gesteigert; einige Bilder sind kreischend bunt und zeigen die Lust zu entdecken, was Farbe im Bild anstellen kann.
Ich beginne Bilder, indem ich das Weiß breche. Oftmals rutsche ich sanft ins nächste Bild, weil ich die Palette – was übrigbleibt – vom letzten Bild verwende.
Die Künstlerin arbeitet an vielen Bildern gleichzeitig – zurzeit sind zwanzig im Werden. Was die halbfertigen Bilder brauchen, findet Mo oft im Spiegel heraus: dann steht sie selber Modell, schlüpft in ihre Figuren, fühlt die Bewegung und die Spannung am eigenen Leib und weiß dann, wie sie weitermalen muss.
Für das Arbeiten in Schichten ist die Mischtechnik aus Acryl, Öl und anderen Werkstoffen von Vorteil. Es beginnt oft mit einer Untermalung in Acryl, danach kann fett auf mager in Öl zur Sache gegangen werden – fallweise kommen Stifte und Tuschen zum Einsatz. Die Künstlerin schätzt mehr und mehr die Vorteile von Acryl, weil es sich aufgrund seiner Transparenz für das hautige und mehrschichtige Arbeiten besonders gut eignet. Durch die Schichten entstehen Linien, die dem Bild Struktur geben: Die Trennung zwischen Figur und Hintergrund geschieht durch eine Art Membran, die von beiden Seiten bearbeitet wird – von innen und außen.
Was wichtiger ist, weiß ich nicht. Irgendwann treffen sich Figur und Hintergrund in einer Art Verzahnung, beide bedingen einander.
Unterrichten
Es ist für mich beglückend, wenn ich Neugierde spüre, wenn sich etwas bewegt und dem Gegenüber schließlich der Knopf aufgeht.
Der nächsten Generation Sichtweisen, Ideen und Fähigkeiten weiterzugeben ist für unsere Dozentin eine Bereicherung. Mo Häusler gestaltet ihre Kurse bunt und lebendig.
Was Linien erzählen
Linien kann man spüren. Es gibt langsame Linien, schnelle, punktierte und heftige. Die Linie ist ein erzählerisches Ding – sie teilt mit, wie sie entstanden ist: wütend, zart, tänzerisch, lyrisch oder auch gewalttätig.
Die Liebe zur Linie, der sichere Strich ist etwas, was unsere Dozentin auch an der Zeichenfabrik vermittelt. Mo Häusler öffnet eine Schublade und zeigt Tusch-Lavierungen und Aquarelle – so das Bild eines Tropenparadieses, inspiriert von der Erinnerung an ein winziges Foto in einer Zeitschrift.

Oft stellt die Künstlerin die Buntheit des Aquarells neben die Arbeit mit Tusche – wobei sie den ernsthaften schwarzen Aspekt der Tusche besonders liebt. Naturthemen nehmen in Mos Werk zurzeit wieder mehr Platz ein: Seelennahrung, Saatgut, das indianische Rundmalen der Welt.
Hautschichten
Ein anderer Bereich im Atelier ist dem Zerreißen von Zeitschriften und Tageszeitungen gewidmet. Die herausgerissenen Bilder werden geklebt und mit der Nähmaschine zu Collagen zusammengenäht. Manchmal fotografiert sich Mo mit dem entstandenen Werk – zerreißt die Fotos erneut und näht sie wieder zusammen. Dieses Kreuz-und-quer-Nähen und die vielen Papierschichten ergeben einen ledrigen Griff, der an Haut erinnert.

Elfenbeinfarbene, pergamentartige Umhüllungen, die sich wie Haut über skelettartige Strukturen aus Draht oder Holz spannen, springen auch bei Mo Häuslers Objekten ins Auge. Sie entstehen aus extrem dünnen Papierschichten, die mehrfach mit Acryllack überzogen wurden. Die Objekte erinnern an Relikte aus dem Naturhistorischen Museum – ihre Strukturen sind bekannt, ihre morbide Schönheit aber nicht einzuordnen: Sie bleiben, auf seltsame Weise, fremd.
Es malt
Mos Blick wird immer wieder von einem großformatigen Bild eingefangen, das gerade in Arbeit ist. Ich spüre, dass die Künstlerin bald den Pinsel packen muss.
Wenn es mich reinzieht, wird es spannend. Oft bin ich mir nicht sicher, wer dann malt; manchmal ist mir nicht ganz klar, wie die Dinge entstehen. Es malt – kein Schieben und Drücken, alles ergibt sich. Das sind Glücksmomente.
Kurse von Mo Häusler an der Zeichenfabrik
Werke von Mo Häusler in der Zeichenfabrik Galerie