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Kann man zeichnen lernen? 5 Grundlagen-Tipps von unserer Expertin

Zeichnen ist kein Talent, sondern ein Handwerk. Dozentin Claudia Antonius erklärt in fünf Schritten, worauf es beim Zeichnenlernen wirklich ankommt – von der ersten Beobachtung bis zum Mut, Gewohntes loszulassen.

03.06.2019·9 Min.
Kann man zeichnen lernen? 5 Grundlagen-Tipps von unserer Expertin
Foto: Pawel Mendrek
Claudia Antonius
Im Porträt
Claudia Antonius

Viel zu oft halten wir uns selbst von Dingen ab, weil wir an alten Glaubenssätzen festhalten: Die wichtigste Voraussetzung, um etwas zu lernen, sei Talent. Falsch. Zeichnen kann man lernen – in jedem Alter.

Was es dazu braucht, sind Anleitung und die richtige Herangehensweise. Wir haben mit unserer Dozentin Claudia Antonius gesprochen und die wichtigsten Tipps für Anfänger*innen und Fortgeschrittene zusammengefasst.


1. Die eigenen Vorlieben kennen

Die Grundlage liegt in dir selbst. Als erstes findest du heraus, was dir gefällt – was ist eine gute Zeichnung für dich? Das definiert, wo du später hin möchtest. Ist es das Perspektivische, das im Vordergrund steht? Gefallen dir Stillleben am besten? Ist eher Fläche spannend oder Volumen? Wer von Null auf mit dem Zeichnen beginnen möchte, macht sich im ersten Schritt Gedanken über die eigenen visuellen Vorlieben.

Tipp 1: Schauen

Im Museum, in der Galerie, auf der Straße: Beobachten, was dem Auge gefällt.  

2. Austausch mit anderen

Im Prozess des Lernens ist es wichtig, sich mitzuteilen. Es reicht nicht aus, Bilder anderer nur zu studieren – der Austausch darüber, was gefällt und was anders sein könnte, bringt dich in Kontakt mit Menschen, die sich genauso für das Zeichnen und Malen interessieren wie du.

Wenn du im Freundes- und Bekanntenkreis niemanden hast, mit dem du dich austauschen kannst, findest du Ansprechpersonen in Führungen und Vermittlungsprogrammen von Museen, in Galerien und in Zeichen- und Malkursen. Man kann nur voneinander lernen.

Tipp 2: Über Kunst sprechen

Finde Worte für das, was gefällt. Was über die Worte hinausgeht, ist das gemeinsame Staunen.  

3. Dem Auge vertrauen

Wer zeichnen lernen will, muss dem Auge vertrauen. Zu oft schaltet sich das Gehirn ein und vervollständigt das Gesehene im Kopf – beim Zeichnen ist das kontraproduktiv. Um das Gesehene möglichst unverfälscht aufs Papier zu bringen, folgt die Aufmerksamkeit nur mehr dem Blick. Die Finger setzen um, was das Auge sieht – direkt und ohne Einmischung von oben. So entstehen ehrliche Bilder.

Tipp 3: Den Kopf ausschalten

Versuche, die Bewegung zwischen Hand und Auge zu koordinieren – ohne dass das Hirn dazwischenfunkt. Das ist Übungs- und Konzentrationssache.  

4. Ausbruch aus der Routine

Wann hast du das letzte Mal mit unterschiedlichen Bleistiftstärken gespielt? Wann zuletzt mit Graphit und Kohle gearbeitet? Durch Wiederholung wird man zwar besser, verliert aber auch den Schwung des Neuen. Hin und wieder über den Tellerrand hinauszuschauen, kann die eigene Zeichentechnik beleben. Das gilt für Anfänger*innen genauso wie für Fortgeschrittene.

Tipp 4: Neues ausprobieren

Wann immer sich die Gelegenheit bietet, etwas anders als sonst zu machen: sei dabei.  

5. Mut zum Zauber

Wer schon länger zeichnet, kennt vielleicht das Problem: Manchen Zeichnungen fehlt, obwohl sie gut gemacht sind, das gewisse Etwas. Die Zeichnung ist genau so geworden, wie man sich das vorgestellt hat – und genau darin liegt vielleicht der Fehler. Der künstlerische Prozess setzt dann ein, wenn aus der Summe der Teile mehr wird als erwartet. Planung und Ausführung ist Technik. Die Bewegung, die Intuition, die Überraschung dagegen – das ist die Magie, die entsteht, wenn man sich auf die Möglichkeit des Scheiterns einlässt.

Tipp 5: Kill your stars

Wenn du gut bist und noch besser werden willst, such erneut den Mut des Scheiterns. Lass dich auf den Prozess ein, der zwischen dir und dem Material entsteht.

Letztlich geht es darum, den Punkt zu finden, der Spaß macht. Talent war gestern. Heute lernen wir, was uns interessiert und begeistert – und scheitern mit Freude.

Zeichenkurse in der Zeichenfabrik

Die wichtigste Voraussetzung, um etwas zu lernen, ist Talent. Richtig? Falsch! Viel zu oft halten wir uns selbst von Dingen ab, weil wir an alten Glaubenssätzen festhalten. Zeichnen, Jonglieren und Kopfstand kann man lernen. In jedem Alter!
Kann man zeichnen lernen? 5 Grundlagen-Tipps von unserer Expertin Claudia Antonius

Über Hintersinn und Intersinn im Schaffen von Claudia Antonius

Wir sitzen in der Küche des gemütlichen Wohnateliers von Claudia Antonius und plaudern.

Woran arbeitest du gerade?

An Arche. Ich arbeite mit der Arche Noah zusammen, einer Organisation, die sich für den Erhalt und die Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt. Dafür portraitiere ich alte Obst- und Gemüsesorten in altmeisterlicher Art. Meine Künstlerkollegin Nina Ripbauer und ich werden unsere Bilder dort zum Erntedankfest ausstellen. Das Ambiente ist wunderbar – ein inspirierender, paradiesischer Garten, in dem unzählige Samen ausgesät und geerntet werden.

Auch in deinen Landschaften findet man die Liebe zur Natur. Aus der Ferne denkt man an Fotodrucke, dann kommt man näher und sieht: Öl. Welche Technik hast du verwendet?

Ich habe lasierend mit Öl auf MDF-Platten gemalt. Das erfordert viel Zeit, weil jede Schicht trocknen muss, bevor die nächste kommt. Die Bilder zeigen wenig Landschaft und viel Himmel. Ich mag diese Art der Malerei. So habe ich auch bei meiner letzten Serie, Abstraction Trouvé, gearbeitet.


[caption: Claudia Antonius, Form Followed Function]

Anfang der 2000er Jahre hast du Stillleben im Großformat auf Leinwand ausgeführt – ich denke an die riesigen Blumenbouquets der Serie „Eliza", benannt nach dem Blumenmädchen in My Fair Lady. Warum dieses extreme Format?

Damals habe ich mich gefragt, was passiert, wenn man dieses – klassischerweise eher kleinformatige – Sujet aufbläst. Was fordert ein Monumentalformat vom Bildthema? Passiert da was? Wie wirkt das auf die Betrachter*innen? Dazu kam: Das Blumenstillleben galt lange Zeit als Sujet für weibliche Kunstschaffende, die sich mehr oder weniger freiwillig damit beschäftigten.


[caption: Claudia Antonius, Eliza]

Als Jörg Jozwiak, Claudias Künstlerkollege und Mitbewohner, die Küche betritt, ergibt sich die Gelegenheit, ein paar Fragen über das gemeinschaftliche künstlerische Schaffen zu stellen. Claudia und Jörg haben sich in Düsseldorf kennengelernt und empfinden das Arbeiten als Künstlerteam bereichernd – nicht nur aufgrund der Ideen, die sie gemeinsam entwickeln und wetertreiben können, sondern auch wegen der Möglichkeit zur Arbeitsteilung: Jörg erledigt gerne die Nacharbeit und pflegt die Website, Claudia macht lieber Bewerbungen.

Die Projekte, die ihr miteinander macht, laufen unter dem Namen Institut für Intersinnforschung – was genau ist damit gemeint?

Wir haben ein Wort gesucht für das Absurde und Lustige, aber auch für Doppelbödigkeit, Hintersinnigkeit. Im September 2018 haben wir bei einem Festival auf der Isle of Portland in England für eine Woche einen Nationalpark errichtet. (Claudia zeigt ein großes Schild in Form eines Pfeils mit der Aufschrift „Easton Ridge National Park".) Auf der Insel wird seit Jahrhunderten Stein abgebaut. Das Gelände unseres Nationalparks war ein Teil eines Stein-Schutthaufens aus den 1930er Jahren. Während der Festivalwoche haben wir Führungen angeboten. Da wir keine Biolog*innen sind, haben wir uns entschlossen, nicht über Fauna und Flora zu sprechen – sondern über unser Werk und die Fragen, die bei der Konzeption aufgetaucht sind. Für Jörg war zum Beispiel die unerwartete Begegnung ein Hauptthema: Nichts ahnende Spaziergänger*innen, die ihren Hund Gassi führen, finden sich überraschend in einem Nationalpark wieder, der gestern noch nicht da war. Was löst das in ihnen aus? Für mich war es vor allem der Versuch, auf Details, auf die Schönheit von Unscheinbarem aufmerksam zu machen. Die Gewächse inner- und außerhalb des Parks waren dieselben. Warum sind die einen schützenswert, die anderen aber nicht? Wer entscheidet das?

Ihr wart in der Schweiz und habt gemeinsam mit den Bewohner*innen von Solothurn eine Telenovela entwickelt: Solo-Novela. Was hat es damit auf sich?

Wir waren bei den Tagen ephemerer Kunst eingeladen. Auf einem der großen Plätze der Stadt haben wir mit Kreide „Viktor und Ursula" auf den Boden geschrieben – in Anspielung an die Stadtheiligen Urs und Viktor. Dann haben wir Passant*innen gebeten, uns bei der Geschichte zu helfen: Wer könnten die beiden sein? Was machen sie? Welche anderen Personen spielen noch mit? In Form einer Mind-Map haben wir alles auf den Boden geschrieben. Die Reaktionen der Leute waren toll und viele waren mit unglaublichem Eifer dabei. Passenderweise hat es am nächsten Tag geregnet und die ephemere Kunst wurde weggewaschen.

In deiner Arbeit sind auch Naturwissenschaft und Biologie Thema: Du hast Käfer und Würmer erfunden und sie in fiktiv-wissenschaftlichen Schriften festgehalten.

Ja, auch hier war die Hintersinnigkeit eines der Themen: Ich habe erfundene Tiere versucht, wissenschaftlich zu klassifizieren.

Gemeinsam mit Jörg hast du dich mit Stubenfliegen beschäftigt – was hat das Experiment Roommates ergeben?

Kennst du das, wenn eine Fliege stundenlang unter der Zimmerlampe kreist? Ich habe mich immer gefragt: Was macht sie da? Misst sie etwas aus? Sucht sie etwas? Jörg hat die Fliege von unten gefilmt. Mit Hilfe des Beamers haben wir den Film sehr stark verlangsamt projiziert und ich habe die Bahn der Fliege nachgezeichnet. Je mehr Flugbahnen nachgezogen sind, desto dunkler wird die Zeichnung, desto eher verliert man die Fliege. Manchmal fliegt sie außerhalb des Blattes, kommt wieder und kreist weiter.

Du unterrichtest an der Zeichenfabrik verschiedene Kurse, zum Beispiel Vergolden. Was passiert in diesem Kurs?

Ich stelle verschiedene Techniken vor, wie man mit Blattgold arbeiten kann – zum Beispiel die Ölvergoldung. Wir arbeiten jedoch mit Blattmessing, sogenanntem Schlagmetall. Das ist einfacher zu handhaben; es soll ja nur ein erstes Kennenlernen des Materials sein – es ist ein Wochenendworkshop.

Du bietest auch Zeichenkurse an. Wo liegt da dein Schwerpunkt?

Mir ist aufgefallen, dass die meisten Zeichnenden immer das Hirn eingeschaltet haben – das alles genau zu wissen glaubt. Dem Auge wird nicht vertraut, es wird nicht einfach akzeptiert, was da ist. Mit verschiedenen zeichnerischen Übungen versuche ich, das Hirn „zu umgehen". Eng damit verbunden ist die Beobachtung, dass viele Kursteilnehmer*innen auf der Suche nach einem eigenen Ausdruck sind – manche auch in einer Richtung festgefahren. Ich ermuntere sie dazu, etwas auszuprobieren und zu riskieren.

Danke für das Interview.

Sehr gerne, danke dir.


Kurse von Claudia Antonius
Website von Claudia Antonius
Institut für Intersinnforschung

Kennst du das, wenn eine Fliege stundenlang unter der Zimmerlampe kreist? Ich habe mich immer gefragt: Was macht sie da? Misst sie etwas aus? Sucht sie etwas?
Ein Gespräch über Hintersinn und Intersinn im Schaffen von Claudia Antonius
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