Wer war Hilma af Klint?
Hilma af Klint wurde 1862 auf Schloss Karlberg in Solna, Schweden, als viertes Kind von Mathilda Sonntag und dem Marineoffizier Victor af Klint geboren. Die Familie zog 1872 nach Stockholm, wo Hilma af Klint von 1882 bis 1887 an der Königlichen Akademie der freien Künste Malerei studierte – einer der wenigen Institutionen jener Zeit, die Frauen zum Studium zuließen. Danach malte sie, meist im Auftrag, naturalistische Porträts und Landschaften.
Schon 1879 nahm sie an ersten Séancen teil; der Tod ihrer jüngeren Schwester Hermina 1880 vertiefte ihr Interesse an Religion und Spiritismus. 1896 gründete sie mit vier weiteren Frauen die Gruppe De Fem („Die Fünf“), in der sie als Medium wirkte. Lange vor den Surrealisten betrieb die Gruppe automatisches Schreiben und Zeichnen. Wie viele Intellektuelle ihrer Zeit beschäftigte sie sich mit der Theosophie; 1904 trat sie der Theosophischen Gesellschaft bei. Wer mehr dazu erfahren möchte, findet Anhaltspunkte bei Helena Petrovna Blavatsky, der Begründerin der Theosophie, und bei der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Annie Besant.
„Deine Bemühungen werden Früchte tragen“
1905 erhielt Hilma af Klint auf spiritistischem Weg die Botschaft: „Du sollst eine neue Lebensanschauung verkünden. Deine Bemühungen werden Früchte tragen.“ Ab November 1906 entstand die Serie Urchaos aus 26 kleinformatigen abstrakten Bildern – mindestens vier Jahre bevor Kandinsky abstrakt zu malen begann, der lange als Erfinder der Abstraktion galt.
1908 lud sie Rudolf Steiner, damals Generalsekretär der deutschen Theosophen und später Begründer der Anthroposophie, in ihr Atelier ein. Nach seiner Kritik an ihrer medialen Arbeitsweise malte sie vier Jahre lang nicht. Ab 1912 arbeitete sie unabhängiger und setzte ihren zentralen Zyklus fort, die Malereien für den Tempel: 193 Bilder, entstanden 1906 bis 1915. Bis zu ihrem Tod am 21. Oktober 1944 in Djursholm wuchs ihr Werk auf über 1000 Gemälde.
Späte Anerkennung
Die Kunstgeschichte müsse umgeschrieben werden – so lautete sinngemäß die Botschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Anfang 2013. Gegenstand des Artikels war die Ausstellung Hilma af Klint. A Pioneer of Abstraction, die nach jahrelanger Vorbereitung 2013 in Stockholm eröffnete und später u. a. nach Berlin (Hamburger Bahnhof), Málaga und Humlebæk wanderte. Erstmals wurde das umfangreiche Œuvre von Hilma af Klint – von den frühen naturalistischen Gemälden bis zur monumentalen Abstraktion der späten Werke – öffentlich gezeigt. Zwar waren seit 1986 (The Spiritual in Art, Los Angeles) immer wieder einzelne Werke zu sehen; als Begründer der abstrakten Malerei galten aber weiterhin andere Künstler. Erst 2013 erhielt Hilma af Klint im Stockholmer Moderna Museet ihre Anerkennung als Pionierin der Abstraktion – mit 100 Jahren Verspätung.
Die FAZ regt ein Gedankenexperiment an: Man stelle sich vor, man habe für sehr viel Geld Werke von Wassily Kandinsky erworben – nicht nur der Kunst wegen, sondern auch als Wertanlage. Wie nähme man die Nachricht auf, dass eine bis dato weitgehend unbekannte Malerin Jahre vor Kandinsky bereits abstrakt gemalt hatte? Mit Verweis auf die Ausstellung Inventing Abstraction, 1910–1925 des MoMA New York, das zahlreiche Kandinskys besitzt, unterstreicht die FAZ das Totschweigen von Hilma af Klint: kein Werk in der Schau, kein Wort im Katalog.
Nicht zuletzt lag es aber auch an Hilma af Klint selbst: Sie zeigte ihre abstrakten Arbeiten zeitlebens nur im privaten Rahmen und verfügte, dass sie frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod öffentlich gezeigt werden. Ihr Neffe und Erbe Erik af Klint bot den Nachlass 1970 dem Moderna Museet als Schenkung an – das Museum lehnte ab. 1972 gründete er die Stiftelsen Hilma af Klints Verk, die das Gesamtwerk von mehr als 1000 Arbeiten und 125 Notizbüchern bis heute verwaltet und veröffentlicht.
Film-Tipp: „Jenseits des Sichtbaren. Hilma af Klint“
Die Dokumentation Jenseits des Sichtbaren. Hilma af Klint von Regisseurin Halina Dyrschka widmet sich Leben und Werk der schwedischen Künstlerin. Die Annäherung zeigt eine lebenslange Sinnsuche, deren Gedankenwelt von Biologie und Astronomie über Theosophie bis zur Relativitätstheorie reicht.
(Der Film lief im August 2020 in den Kinos. DVD und Stream sind erhältlich.)