Die Künstlerin Hoa Luo wurde in Ho-Chi-Minh-Stadt geboren und wuchs in Europa auf. Sie hat Physik, Philosophie und Bildende Kunst studiert und lebt heute in Berlin und Rorschach. Diese Kombination prägt ihre Arbeit: analytisch im Ansatz, offen im Ergebnis.
Zwischen den Medien
Hoa Luo beschränkt sich nicht auf ein Medium: Sie arbeitet in Malerei, Installation, kuratorischen Projekten und Literatur. Ein zentrales Werk ist ihr 1000-seitiges Kunstbuch und Zine „youpuke – war is forever", das 2016 im „Salon für Kunstbuch" des 21er Haus präsentiert wurde. Das Buch ist als Labyrinth konzipiert – ein Archiv, das die Prägung des Krieges im Zeitalter der Massenkommunikation erforscht und dabei eine weibliche Odyssee durch Themen wie Zerstörung, Codes und das Analoge zeichnet.
[caption: Hoa Luo, In the shadows of trees, Öl auf Leinwand, 100x170 cm, 2017]
[caption: Foto: Hoa Luo]
Kunst als feministische Stimme
Frauenrechte, Gleichberechtigung und feministische Diskurse durchziehen Hoa Luos Arbeit als roter Faden – über alle Medien und Projekte hinweg.
[caption: Foto: Patrick Trotter]
Die Unendlichkeit kuratieren
Gemeinsam mit Patrik Muchenberger (aka A2PM.HOA) kuratierte Hoa Luo die Ausstellung „Du fühlst Dich unendlich", die im Juni 2023 im Eisenwerk eröffnet wurde. Das Künstlerduo lud Künstler*innen ein, die Themen Unendlichkeit und Vergänglichkeit zu erforschen. Die Ausstellung vereinte Malerei, Skulptur sowie installative und performative Kunst und stellte die Frage nach der Bedeutung von Archiven in einer schnelllebigen Welt.
[caption: Foto: A2PM.HOA / @youfeelinfinite]
Hoa Luo als Lehrende
Struktur ist für Hoa Luo kein Gegensatz zur Kreativität, sondern ihre Voraussetzung. Ein disziplinierter Arbeitsrhythmus, ergänzt durch Entspannungsmethoden und Meditation, erlaubt es ihr, viele Projekte gleichzeitig zu führen. Diese Haltung gibt sie als Dozentin weiter: In ihren Kursen in der Zeichenfabrik unterstützt sie andere Künstler*innen dabei, eine eigene kreative Routine zu entwickeln.
Kurse von Hoa Luo in der Zeichenfabrik Zum KursangebotWerke im Zeichenfabrik Shop
Hoa Luo im Zeichenfabrik Shop für Kunst & Design Neue Arbeiten der Künstlerin – direkt im Shop der Zeichenfabrik Galerie.Zu den Werken von Hoa Luo
Hoa Luo – ein Leben auf parallelen Plateaus
Tauchen wir in den Kunstkosmos von Hoa Luo ein: Dozentin für Graffiti und Zeichnung, langjährige Mitarbeiterin der Zeichenfabrik im Bereich Public Relations und Autorin vieler Blogbeiträge.
Verschwommen, virtuell und verschachtelt
Auf der Suche nach ihrem Werk findet sich im Internet ein Blog mit dem Titel „I'm sorry mate, that's all I've got" – bewegte Bilder in Zusammenhang mit kleinen Texten, die mysteriös erscheinen. Die Idee dahinter hat als Prämisse die Verschwommenheit. Die Miniaturen, die zu sehen sind, sind Slogans und Texte, die aus Unterhaltungen herausgerissen sind oder ganz spontan auftauchen und in der Kombination mit Bildern eine neue Bedeutungsebene hervorbringen. Es wird ein Entwicklungsprozess initiiert, der sich aus Vernetzung und der Annahme von verschiedenen Perspektiven speist, parallel zum wirklichen Leben.
Zu dieser virtuellen Verschachtelung gehört ein weiterer Blog, der sich „youpuke" nennt (deine Kotze). Der Titel ist ein Wortspiel mit „YouTube" (dein Kanal). Es sind Reste aus Arbeiten der Künstlerin. Der Name ist Programm: es geht um die Auswertung von Inhalten, die nicht verdaulich sind und vom Körper wieder ausgeschieden werden. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisberges: „youpuke" ist eine eigene Welt, ein Archiv, das jegliche Struktur und Ordnung obsolet macht, weil es wie ein Labyrinth aufgebaut ist.
Zusammen mit ihrem Alter Ego, Hana Woodrue, erstellte Hoa eine Parallelwelt, die sich als riesiges und schweres Buch mit 1000 Seiten manifestiert – analog und haptisch. Es wurde im 21er Haus im „Salon für Kunstbuch" präsentiert und ist auf Amazon erhältlich. Dieses Werk ist als Antwort auf unsere technologisierte Gesellschaft zu verstehen, wo von Künstler*innen verlangt wird, dass sie ein Produkt nach dem anderen herausbringen, ein Image aufbauen und sich schnell vermarkten.
[caption: Foto © 2016, Hoa Luo]
Hoa Luo widersetzt sich mit ihrer Arbeit bewusst den Gesetzen des Kunstmarktes, indem sie weder ein klares Werk anbietet, noch sich auf eine Person festlegen lässt. Sie teilt sich auf mehrere fiktive Personen auf, wovon jede andere Medien nutzt: Performance, Bücher, Filme und Malerei. Auf die Frage, ob das Studium der Philosophie Einfluss hatte auf das Entstehen von „youpuke", meint Hoa, das Buch galt ihr schon vorher als wichtiges Format für ihre Arbeit. Aus der Philosophie kommen die Theorien und Gedanken, die sich dann zu Konzepten formen.
Für mich werden Inhalte durch die Abstraktion fassbarer und erreichen diese Eleganz, die ich so liebe! Hoa Luo
Ihr Interesse gilt der theoretischen Philosophie, vertreten durch Flusser, Virilio und Charlotte Klonk.
Ebenen des Malens
Die Arbeit, die ihr am meisten am Herzen liegt, ist das Malen. Während des Studiums der Malerei bei Ashley Hans Scheirl und Daniel Richter an der Akademie der bildenden Künste in Wien durchlaufen ihre Bilder eine Entwicklung vom Figurativen zum Abstrakten. Ihre Ölbilder sind von großer Vielschichtigkeit: in einzelnen Schichten findet sich auch das Graffiti wieder.
Als rebellische junge Frau hat sich Hoa in der Graffiti-Szene ausgetobt und in Barcelona, London und Sydney gesprayt. Sie hat als Frau eine Vorreiterrolle eingenommen und sich in einem männerdominierten Umfeld durchgesetzt. Mittlerweile hat sich ihr Schwerpunkt auf das Vermitteln der Technik und auf die Arbeit mit Jugendlichen verlagert. Das Dozieren macht ihr Spaß: Sie nimmt sich von den Kursteilnehmer*innen den ersten Blick, die Anfänge der Wahrnehmung als Parameter zum Abgleichen mit ihrer eigenen. Sie möchte ihnen vermitteln, ihre Werke neutral zu betrachten und nicht in gut oder schlecht einzuteilen – und das Selbstbewusstsein zu erlangen, auszuwählen, was sie tatsächlich umsetzen und zeigen wollen.
Der öffentliche Raum bleibt nach wie vor Hoas Spielplatz, nun mit den Mitteln der Performance.
[caption: Foto © 2016, Patrick Trotter]
Jeder kann alles
Wie kann eine einzelne Person so viele verschiedene Bereiche abdecken und zwischen Wien und Berlin pendeln? Hoa setzt eine körperliche Technik ein, um sich zu regenerieren: Sie meditiert und balanciert, um zur Ruhe zu kommen. Ihr Leben organisiert sie mittels genauer Arbeitszeitaufzeichnung in Form von Diagrammen, die sie auswertet, um gezielt steuern zu können, in welche Richtung es gehen soll. Das Zauberwort lautet: Struktur.
Hoas Beitrag zum Feminismus besteht darin, oft und viel mit Frauen zusammenzuarbeiten. Sie lebt in einem Umfeld von starken, selbstbewussten Frauen, die alle gebildet sind und sich ihren Platz in der Gesellschaft erobert haben. So hat sie ein Künstlerinnenkollektiv aufgebaut, wo frau sich gegenseitig beim Schreiben von Konzepten unterstützt und Auseinandersetzung und Beratung möglich ist. Im privaten Bereich stellt sie sich die Frage der Organisation eines Haushaltes gleichberechtigt zu der Frage nach dem beruflichen Werdegang: da gibt es ihn noch, den Unterschied zu männlichem Denken, das meist ausschließlich um den beruflichen Erfolg kreist.
Hoa setzt einer männlich konnotierten Kunstwelt ihre Motivation und ihren Mut entgegen, sich zu behaupten. Sie erlaubt sich im künstlerischen Bereich alle Freiheit und weiß um ihre Außenseiterposition – als Frau, als Ausländerin, als Liebhaberin der theoretischen Philosophie und Physik, als Künstlerin mit Kinderwunsch: alles ist möglich.
[caption: „In the shadows of trees", Öl auf Leinwand, 100×170 cm, 2017 © Hoa Luo]
[caption: Foto 2017 © Hoa Luo]
Für mich werden Inhalte durch die Abstraktion fassbarer und erreichen diese Eleganz, die ich so liebe!