Gedanken & Essays

Was ist künstlerische Forschung?

Über, für und durch die Kunst – ein Begriff, eine Methode und eine Übung für das eigene Atelier.

15.10.2026·8 Min.
Was ist künstlerische Forschung?
Bettina Schülke, Weaving Data-Pin-Up · Foto: Marko Junttila, © Bildrecht, Wien 2026
Bettina Schülke
Im Porträt
Bettina Schülke
Kursleiterin · Artistic Research

„Suchen bedeutet in der Malerei nichts. Finden ist alles.“ So äußerte sich Pablo Picasso 1923 in einem seiner seltenen Interviews. Knapp hundert Jahre früher hatte John Constable vor der Royal Institution in London das Gegenteil vertreten: Die Landschaftsmalerei sei ein Zweig der Naturphilosophie, „deren Bilder nichts anderes sind als Experimente“.¹

Zwischen diesen beiden Haltungen bewegt sich bis heute die Frage, ob und wie Kunst Erkenntnis hervorbringt. Seit den 1990er-Jahren hat sie einen eigenen Namen: künstlerische Forschung, international Artistic Research. Gemeint ist eine Forschung, die nicht über Kunst nachdenkt, sondern in und mit der künstlerischen Praxis arbeitet.

Über, für, durch: eine Unterscheidung von 1993

Den wohl meistzitierten Ausgangspunkt der Debatte lieferte der britische Kulturhistoriker Christopher Frayling. In einem Aufsatz, der 1993/94 als erstes Heft der Royal College of Art Research Papers erschien, unterschied er in Anlehnung an den Kunsttheoretiker Herbert Read drei Arten von Forschung:¹

  • Forschung über Kunst (research into art and design): Kunstgeschichte, Ästhetik, theoretische Perspektiven auf Kunst. Laut Frayling die häufigste und am leichtesten fassbare Form.
  • Forschung für die Kunst (research for art and design): das Sammeln von Material, Vorlagen und Referenzen, die in ein Werk eingehen. Das Ergebnis ist das Werk selbst.
  • Forschung durch Kunst (research through art and design): Materialforschung, Entwicklungsarbeit und praktische Experimente im Atelier.

Bemerkenswert ist eines seiner Beispiele für diese dritte Kategorie: ein Forschungstagebuch, das ein Experiment im Atelier Schritt für Schritt festhält, dazu ein Bericht, der es in einen Zusammenhang stellt. Genau das trenne Forschung vom bloßen Sammeln von Referenzmaterial.¹ Er bringt es auf eine Formel, die er von einem Satz der Tante des Schriftstellers E. M. Forster ableitet: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich sehe, was ich mache und tue?“¹

Welches Wissen ist gemeint?

Wer zeichnet, malt oder formt, weiß vieles, ohne es benennen zu können: wann ein Strich sitzt, wann eine Fläche kippt, wann ein Bild fertig ist. Der Philosoph Michael Polanyi hat dieses Wissen 1966 als „implizit“ beschrieben und auf eine knappe Formel gebracht: Wir können mehr wissen, als wir zu sagen vermögen.²

Künstlerische Forschung setzt hier an. Sie versucht nicht, dieses Wissen in Zahlen oder Beweise zu übersetzen, sondern es sichtbar und mitteilbar zu machen, durch die Werke selbst und durch die Reflexion über ihre Entstehung. Der niederländische Theoretiker Henk Borgdorff beschreibt das Vorgehen so: „In der Regel ist künstlerische Forschung nicht hypothesengeleitet, sondern entdeckungsgeleitet.“ Die Künstlerin suche auf Grundlage von Intuition, Vermutungen und Ahnungen und stoße unterwegs womöglich auf unerwartete Fragen.³ Oft, so Borgdorff, nehmen die eigentlichen Fragen erst während der Arbeit Gestalt an und verändern sich dabei.³

Ein Beispiel: TRANSACTION as INTERACTION

Wie das konkret aussieht, zeigt die Dissertation der Künstlerin Bettina Schülke, die sie 2017 an der Fakultät für Kunst und Design der Universität Lappland in Rovaniemi abgeschlossen hat.⁴ Ihr Thema ist der Raum: wie er sich unter dem Einfluss technischer Medien verändert und wie sich ein „erweitertes Raumgefühl“ in der bildenden Kunst ausdrücken lässt.

Methodisch versteht Schülke ihre Arbeit als praxisbasierte Forschung. Die Kunstwerke waren von Anfang an das leitende Element, die Theorie entwickelte sich aus dem künstlerischen Prozess heraus.⁴ (S. 20) Sie beruft sich dabei auf den finnischen Theoretiker Esa Kirkkopelto: „Künstlerische Forschung blickt von der Kunst zur Theorie, nicht umgekehrt.“⁴ (S. 25)

Den Kern ihrer Methode nennt sie TRANSACTION: Eine Werkgruppe entsteht aus der vorangehenden, oft durch den Wechsel in eine andere Technik.⁴ (S. 21) Aus Fotos und Skizzen, die unterwegs entstanden, wurden Zeichnungen und Collagen. Aus rund 40 Collagen wurden etwa 1600 Aufnahmen und daraus ein Stop-Motion-Video. Später ging der Weg umgekehrt vom Digitalen zurück zur Zeichnung und in den Raum.⁵

Aufschlussreich ist, was Schülke über die unsichtbaren Anteile dieses Prozesses schreibt. Körperliche Erfahrungen beim Gehen, Schauen und Bewegen hatte sie zunächst für selbstverständlich gehalten. Erst spät wurde ihr bewusst, wie viel davon in die Arbeit eingegangen war: „Ich begann zu erkennen, dass diese unausgesprochenen Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und Überlegungen ein wesentlicher Teil des Arbeitsprozesses wurden.“⁴ (S. 15, dt. Fassung der Autorin)

Daraus leitet sie ab, warum das Aussprechen und Aufschreiben zur Methode gehört:

Die Analyse meines eigenen Forschungsprozesses machte mir bewusst, dass mir Vorgänge während der künstlerischen Arbeit selbstverständlich erschienen, manchmal nicht einmal erwähnenswert. Sie in Worte zu fassen, fügt jedoch eine weitere Dimension hinzu und macht sie auch anderen zugänglich. Zudem beobachtete ich, dass sich meine Gedanken beim Formulieren schärften und klärten oder dass sich Inhalte herauskristallisierten, die mir zuvor eher als abstrakte Idee erschienen waren.
Bettina Schülke, TRANSACTION as INTERACTION (2017), S. 34 · Übersetzung: Zeichenfabrik

Am Ende verschiebt sich der Blick: Nicht mehr das Ergebnis steht im Vordergrund, sondern das Wie und Warum. Und mit ihm die Frage: „Was bewirkt es, und wohin führt es?“⁴ (S. 40)

Künstlerische Forschung in Österreich

Schülke ging für ihre Promotion nach Finnland, weil es praxisbasierte künstlerische Forschung in dieser Form in Österreich damals noch nicht gab.⁴ (S. 5) Finnland und Großbritannien gehören zu den Pionieren des Feldes.⁴ (S. 32)

Inzwischen hat sich die Lage auch hierzulande verändert:

  • Seit 2009 fördert der Wissenschaftsfonds FWF mit dem Programm PEEK gezielt künstlerisch-wissenschaftliche Forschung (Arts-based Research).⁶
  • 2010 startete an der Akademie der bildenden Künste Wien das Doktoratsprogramm PhD in Practice.⁷
  • Seit dem Wintersemester 2016/17 bietet die Universität für angewandte Kunst Wien ein Doktoratsstudium in künstlerischer Forschung an.⁸
  • International vernetzt sich das Feld seit 2010 in der Society for Artistic Research, die seit 2011 das Journal for Artistic Research herausgibt.⁹

Künstlerische Forschung ist aber nicht an ein Doktorat gebunden. Ihre Methoden, also beobachten, fragen, experimentieren, dokumentieren und reflektieren, lassen sich in jeder künstlerischen Praxis anwenden.

Wiederholung als Methode

Eines der wirksamsten Werkzeuge künstlerischer Forschung ist die Wiederholung, genauer: die Wiederholung mit einer veränderten Bedingung. Bettina Schülke fasst das in ihrem Unterricht so zusammen: „Die Variation ist nicht das Thema. Die Variation ist die Methode, mit der ein Thema untersucht wird.“¹⁰

Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das aussehen kann:

  • Sol LeWitt stellte 1974 in Incomplete Open Cubes systematisch alle 122 Möglichkeiten dar, einen Würfel unvollständig zu lassen, ohne dass er auseinanderfällt.¹¹
  • VALIE EXPORT passte ab 1972 in ihren Körperkonfigurationen den eigenen Körper an Gehsteigkanten, Mauern und Stufen an. Konstant bleiben Körper, Kamera und bewusste Positionierung, es verändern sich Ort, Architektur und Haltung.¹²
  • Annette Arlander kehrte über viele Jahre auf der Insel Harakka vor Helsinki ein Jahr lang einmal pro Woche an denselben Ort zurück und wiederholte vor einer feststehenden Kamera dieselbe Handlung. Im Video verdichten sich die langsamen Veränderungen der Landschaft.¹³

Zum Ausprobieren: eine Regel verändern

Die folgende Übung stammt aus dem Unterricht von Bettina Schülke. Du brauchst dafür etwa eine halbe Stunde, Papier und einfachste Zeichen- oder Schreibwerkzeuge.

  1. Beobachten. Wähle eine einfache Handlung aus deiner eigenen Praxis: eine Linie ziehen, eine Fläche anlegen, etwas falten oder schneiden. Arbeite zehn bis fünfzehn Minuten wie immer, aber beobachte dabei, wie du arbeitest. Das Ergebnis ist nebensächlich.
  2. Notieren. Halte fest, was du tatsächlich gemacht hast, wo du gezögert hast, was du wiederholt und was du vermieden hast. Und vor allem: Welche Regel hast du befolgt, obwohl dir niemand eine Regel gegeben hat?
  3. Eine Bedingung verändern. Greif eine einzige Gewohnheit heraus und kehre sie um. Wer langsam zeichnet, zeichnet schnell. Wer immer in der Mitte beginnt, beginnt am Rand. Alles andere bleibt gleich.
  4. Vergleichen. Was ist anders geworden? Was hast du durch die Veränderung erfahren, das du vorher nicht wusstest?

Aus solchen Beobachtungen entsteht, was künstlerische Forschung ausmacht: eine Frage, die sich aus der eigenen Arbeit ergibt.

Der Kurs

Im Kurs Artistic Research mit Dr. Bettina Schülke wird aus dieser Übung ein Weg: von der Beobachtung über Versuchsanordnungen, Serien und Medienwechsel bis zu einer eigenen Forschungslandkarte. Der Kurs richtet sich an Menschen mit eigener künstlerischer Praxis, gleich in welchem Medium.

→ Zum Kurs Artistic Research

Quellen

  1. Christopher Frayling: Research in Art and Design. Royal College of Art Research Papers, Vol. 1, No. 1, 1993/94. London: Royal College of Art. Darin zitiert: Pablo Picasso, Interview in The Arts, New York, Mai 1923; John Constable, Vortrag an der Royal Institution, 1836. Online (CC BY-NC-ND 4.0): https://researchonline.rca.ac.uk/384/
  2. Michael Polanyi: The Tacit Dimension. Garden City, NY: Doubleday 1966, S. 4.
  3. Henk Borgdorff: „The Production of Knowledge in Artistic Research“. In: Michael Biggs, Henrik Karlsson (Hg.): The Routledge Companion to Research in the Arts. London: Routledge 2011, S. 44–63, hier S. 56 (dort unter Bezug auf Sarah Rubidge 2005).
  4. Bettina Schülke: TRANSACTION as INTERACTION: Art as an Extended Sense of Space. Dissertation, Universität Lappland. Rovaniemi: Lapland University Press 2017 (Acta Universitatis Lapponiensis 348; PDF: Acta electronica Universitatis Lapponiensis 215). Seitenangaben im Text. Zitat Kirkkopelto dort nach: Esa Kirkkopelto 2008.
  5. Bettina Schülke: Vortrag zur Dissertation TRANSACTION as INTERACTION, 2017 (unveröffentlichtes Manuskript).
  6. FWF: Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK). https://www.fwf.ac.at/aktuelles/detail/15-jahre-arts-based-research-in-oesterreich
  7. Akademie der bildenden Künste Wien: Informationen zu den Doktoratsstudien. https://www.akbild.ac.at/de/forschung/doktoratszentrum/informationen-zu-den-doktoratsstudien
  8. Universität für angewandte Kunst Wien: Künstlerische Forschung (PhD in Art). https://www.dieangewandte.at/dok_kunst
  9. Society for Artistic Research. https://societyforartisticresearch.org/ · Journal for Artistic Research. https://www.jar-online.net/
  10. Bettina Schülke: Präsentation „Wiederholung – Serie – Variation“, Unterrichtsmaterial, Zeichenfabrik 2026.
  11. Sol LeWitt: Incomplete Open Cubes, 1974. Vgl. Art Gallery of New South Wales: https://www.artgallery.nsw.gov.au/collection/works/347.2011/
  12. VALIE EXPORT: Körperkonfigurationen, 1972–76. https://valieexport.at/
  13. Annette Arlander: Year of the Ox – Performing Landscape as Artistic Research 8. Research Catalogue: https://www.researchcatalogue.net/view/23925/23926

Übersetzungen englischsprachiger Zitate: Zeichenfabrik.

Das könnte dich auch interessieren
Zurück zu allen Beiträgen