2017 habe ich Werner Van Hoeydonck, der damals Workshops an der Zeichenfabrik gab, in seinem Atelier in der Westbahnstraße interviewt. Im 21. Jahrhundert leben wir von der Vernetzung. Aber wie lässt sie sich sichtbar machen? Werner ist einer der spannendsten Forscher und Erfinder auf dem Gebiet der Ornamente und Muster, die ich kennenlernen durfte. Unser Gespräch gab mir einen systematischen Einblick in sein Schaffen und zeigte auch die Ränder und Fransen seiner Arbeit.
Das Spiel mit Grundformen zeigt, dass diese Formen weltweit dieselben waren. Muster und Ornamente machen Verbindungen sichtbar und helfen, auch andere Kulturen in ihrer Schönheit zu verstehen.
Das Ineinander und Zueinander
Werner Van Hoeydonck beschreibt Ornamente und Muster in ihren Einzelteilen und deren Summe mit dem Eros. Die Liebe und die Annäherung, die sich innerhalb jeder Einzelform darstellen lassen und sie zusammenhalten – aber auch das Nebeneinander von Einzelteilen – machen das tatsächliche Muster aus. Der Fluss, der entsteht, wenn einfache Hypothesen in die Praxis kommen. Werner hat z. B. ein Design entwickelt, das von einem klassischen Muster ausging, welches aus der Wiederholung gleicher Formen entsteht und eine gerade Linie zum Schwingen bringt: immer mehr und mehr, während gleichzeitig ein Punkt innerhalb des Musters vergrößert wird. Das Ergebnis findet sich in seinem Design für eine Schokoladen-Verpackung.
Was passiert mit einem Muster, wenn ich einfach alle geraden Linien mit einer Kurve variiere?
Konstruktion, Animation und Mathematik der Annäherung
Kann man aus Mustern und Ornamenten durch das Zusammenspiel einzelner Elemente auch Theorien aufzeigen, die den Menschen versinnbildlichen? Aus den Grundformen lässt sich die Entstehung von Leben ableiten, die Verbindungen zeigen aber auch erotische Beziehungen zwischen den Formen. Das Dazwischen des Dahinters. Formen stehen nebeneinander und drängen ineinander. Eros als Ausdruck. Und die Spiralen – immer ein ineinander Eindringen und aufeinander Zuwachsen – sind dynamische Bewegungen.
Ich arbeite aus dem Gefühl heraus.
Das Experimentieren mit Zeichen und Formen dient der Verzierung, beinhaltet aber auch Identität und Kultur. Die Ursprünge des Ornaments eröffnen eine andere Lesart der Geschichte und deuten auf das Bedürfnis des Menschen nach Schmücken und Verzieren hin – sie verweisen auf die Semantik hinter dem Zeichen.
Die Systematik der Grundformen
Welche Grundformen werden behandelt? Die einfache und doppelte Linie, Mandorlen, Quadrate und Dreiecke, Mäander, Flechtwerke, Rosetten und Wellenlinien. Ein Muster entsteht aus einer natürlichen Bewegung. Der Kreis ist aus der Linie entstanden – die höchst vollkommene Form. In seinen Workshops ging es nicht nur um das Erlernen der Grundformen der Geometrie, sondern auch um das Zeichnen der Liebe mithilfe von Geometrie. Wieder eine Methode der Natur: die mathematische Betrachtung. Ein Beispiel dafür sind zwei Kreise, die sich umarmen, die Blume des Lebens und die Mandorlen (die mandelförmige Schnittfläche zweier sich überlappender Kreise).
Das Umfassen von Chemie und Physik, Geometrie und Geschichte – oder unsere Zellen. Für Werner eine Geometrie der Liebe, eine Geometrie der Vereinigung.
Im Muster sollte eine Struktur erkennbar sein.
Von der Architektur ins Detail
Werner ist 1969 in Brecht (Belgien) geboren und lebt und arbeitet in Wien. Als Architekturstudent in Gent hat Werner intensiv das Schaffen von Otto Wagner studiert – Buchempfehlung: Otto Antonia Graf, Otto Wagner, Bd. 3: Die Einheit der Kunst. Weltgeschichte der Grundformen, Böhlau, Wien 1990 – und die alten Baukünste befragt. Daraus entstand die Faszination für und der Blick hinter die Zeichen. 1993 bis 1996 studierte er Kunst- und Architekturgeschichte bei Prof. Dr. Otto Antonia Graf an der Akademie der bildenden Künste Wien. Von 2001 bis 2011 führte er in Belgien das Büro TEK7 Architects, mit dem er rund 100 Projekte realisierte. 2012 kehrte er nach Wien zurück und gründete Ornamental Art & Design.
Werner entwickelt Muster und ornamentale Designs für verschiedenste Zwecke, experimentiert mit Siebdruck und digitalen Drucktechniken, recherchiert über Proportionen und heilige Geometrie und gibt Zeichenworkshops über die Ursprünge des Ornaments und arabische Muster. Sein Leben wird getrieben vom Ornament und seinen Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken.
Die größten gemeinsamen kleinen Grundformen der Welt
Erstaunlich, dass man überall die gleichen Motive findet.
Ausdruck von Eros, von Liebe, von Ergriffenheit: Wenn Künstler*innen voll Liebe sind, dann streicheln die Augen die sichtbaren Formen, als ob sie Hände wären. Die Ergriffenheit, dieses Streicheln setzt sich in einer liebevollen oder sinnvollen Struktur der Ornamentik um. Die Liebe hält zusammen wie Moleküle, die sich in gegenseitiger Abhängigkeit formen, nach Vereinigung streben. Hinter dem Ornament steht die Abstraktion der Naturkräfte, der Schwingungen, der Kurven. Eine schöne Ausdrucksform der Vereinigung ist die sogenannte Blume des Lebens. Die Geometrie spielt dabei eine allumfassende Rolle. Ob in China, Südamerika oder in Europa: Die verschiedenen Kulturen der Welt teilen sich die gleichen Grundformen, aus denen Muster verschiedenster Art entstanden sind.
Ein Verständnis dieser Grundformen und ihrer Prinzipien, die Wiedergabe der Gestaltungsprinzipien der Natur sowie des Kosmos als Form, die Erweiterung der grammatischen Formen in der Palette der Zeichnung und die Liebe zum Ornament sind zentral für Werners Zugang.
Von einer Form in die andere
Auch jüngere Künstler*innen sind in ihrem Design stark beeinflusst von Formen, Mustern und Ornamenten. Grafiken werden wiederholt, Pattern werden gebraucht. Doch zurück zu den Ursprüngen: Wie in jeder Kunst ist es wichtig, die Grundlagen zu lernen – damit erhalten wir ein besseres Verständnis der Verfremdung.
Werner möchte ein allgemeines Verständnis zu diesem Thema generieren und aufzeigen, dass Ornamente und Muster Kulturen und Völker verbinden und eine internationale Sprache sind. Die Prämisse mit den gleichen Grundformen, in einem Tempel, auf einer Vase – das ist die große Verbindung von uns allen. Dazu arbeitet Werner an einem Überblick zur Geschichte der Ornamentik unter Einbindung von afrikanischen Mustern und orientalischen Ornamenten.
Der Blick – ich versuche sofort die Struktur zu bestimmen, wenn man ein gotisches Muster oder ein islamisches Fenster sieht: Ist es eine 12-Teilung, ist es eine 16-Teilung? Mein Blick hat sich sehr verändert, automatisch sehe ich die Eckpunkte. Und der Trick zum Verstehen komplexer Muster ist die sich wiederholende Unit, welche gefunden werden muss. Dann ergibt sich das eigentliche Muster von selbst.