Jede Zeit braucht ihre Kunst. Diese alte Malerei ist vergangen, aber immer noch voller Geheimnisse und ist daher aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant zu untersuchen.
Wir haben George Gheorghe 2017 in seinem Atelier und Museum in der Esterházygasse besucht. Der 1956 in Crevedia Mare bei Bukarest geborene akademische Maler hat mit seinem fundierten Wissen über die Schichtenmalerei nicht nur verschiedene Stile einzelner Maler*innen bis zur Perfektion imitieren gelernt, sondern auch an der Vermittlung dieses Wissens gearbeitet. Während wir mit ihm gesprochen haben, lief Renaissance-Musik im Hintergrund – was uns direkt in eine andere Zeit versetzt hat.
Malerei braucht Zeit
Man sagt generell, dass ab dem 16. Jahrhundert nur mit Ölen gemalt wurde. Caravaggio, Tizian oder Rembrandt – allesamt Ölmaler –, doch ihre Bilder werden maltechnisch oft unterschiedlich gedeutet. George nennt Rembrandt als Beispiel: Untersuchungen der National Gallery in London fanden in seinen Werken nur Öl als Bindemittel, in den Niederlanden nimmt man dagegen an, dass er auch Kirschgummi, Leim und Ei verwendete – also wasserlösliche Bindemittel. Weil schriftliche Quellen fehlen, gehen die Rekonstruktionen verschiedener Spezialist*innen auseinander. Auch aus diesem Grund hat George Gheorghe begonnen, selbst zu experimentieren. Er hat einzelne Bilder verschiedenster Epochen untersucht und Schicht für Schicht den Aufbau erforscht, um die Prozesse und Arbeitsweisen nachvollziehbar – und reproduzierbar – zu machen.
Dabei ist er Meister seines Fachs. Gemälde bekommen Risse, wenn eine neue Farbschicht auf eine noch nicht vollständig trockene aufgetragen wird. Geduld ist daher beim Malen unerlässlich.
Durch seine Recherchen gelangte George Gheorghe zu der Überzeugung, dass die alten Meister – auch noch lange nach dem 16. Jahrhundert – die untersten Farbschichten mit Tempera, also einem wasserlöslichen Bindemittel, malten und erst ganz zum Schluss eine Schicht Ölfarbe auftrugen. Eine geschickte Sparmaßnahme: Öle waren aufwendig herzustellen und trockneten langsam. In der Forschung ist diese sogenannte Mischtechnik umstritten. Sämtliche Malmaterialien wurden damals in Handarbeit gefertigt. Die Maler hatten Lehrlinge, die sich um die Herstellung von Farben und Pinseln kümmerten. Das Wissen wurde dabei nur über das Tun vermittelt – die Werkstatterfahrung war Lehr- und Lernmethode. Deshalb, und wegen der Geheimniskrämerei der Meister, gibt es darüber kaum Aufzeichnungen.
Die wasserlöslichen Emulsionen mische ich mir selbst. Die Ölfarben auch manchmal, sie sind aber komplizierter herzustellen, etwas Spezielles. Die Ölfarben aus dem Geschäft sind zwar sehr gut, haben aber Zusätze, die wir nicht kennen und die die Arbeit negativ beeinflussen können. Jeder Maler hatte damals seine eigene Maltechnik, obwohl alle Zugang zu denselben Pigmenten und Bindemitteln hatten. Nur die Gehilfen in der Werkstatt kannten die Technik und die zu verwendenden Farben. Bei Caravaggio hingegen war die Produktion anders. Er hatte keine Schüler, keine Freunde – seine Maltechnik hat niemand gekannt, alle Kopien nach ihm sind in einer anderen Technik gemalt. Technische Analysen zeigen, dass er alle Formen in der ersten Schicht mit Bleiweiß modellierte, wodurch sich Kopien von Originalen unterscheiden.
Komposition eines Einzelgängers
George Gheorghe ist nicht nur akademischer Maler, der alte Stile studiert und kopiert, sondern auch Restaurator und Forscher. Die Techniken Schicht für Schicht freizulegen, ist seine akribische Passion – sie mündet in sein Lebenswerk: das Museum alter Maltechniken.
Ich arbeite ohne Infrastruktur und allein. Das ist sehr schwer, eigentlich bräuchte man ein Sekretariat oder Assistenz, Forschergruppen. Es ist ein Prozess. Vor 10 Jahren habe ich mich an der Bildenden inskribiert und wollte im Bereich Maltechnische Rekonstruktionen eine Doktorarbeit schreiben. Ich konnte aber keinen von der Notwendigkeit einer solchen Arbeit überzeugen. Nun habe ich an der Angewandten Wien Interesse an meiner Arbeit gefunden und habe das Studium begonnen.
2023 hat er an der Angewandten promoviert. In seinem eigenen Werk thematisiert George den menschlichen Körper als Kompositionsmittel und schafft Distanz zwischen Betrachter*innen und Figuren. Grundlage ist ein eigenes Archiv von Kompositionszeichnungen – Zeichnungen, die noch keine Bilder geworden sind. Aus ihnen entwickelt er Aufbau und Geometrie seiner Bilder, in denen die Menschenfiguren wiederkehren.
Die Körper und Menschen werden zur Linie und die Komposition formiert den Raum.
Ein Museum zur Geschichte und Technik der Schichtenmalerei
Museum, Atelier und Galerie in der Esterházygasse
Bei George ist Arbeit nicht nur systematisch, sondern auch praktisch. In seinem Museum lässt sich alles schnell um- und aufbauen. Während Besucher*innen eine Führung erhalten und alles über die Technik im Detail erfahren, ist nebenan seine Galerie aktueller Arbeiten. Sobald der Andrang vorbei ist, wird weitergearbeitet.
Wenn du ein Museum hast, ist es sehr kompliziert mit Eintritt und Tickets. Deshalb lasse ich es offen, wie viel die Besucher zahlen wollen.
Der Eintritt ist nach freier Spende. Seit vielen Jahren dokumentiert George Gheorghe seinen Arbeitsfortschritt mit wissenschaftlichen Protokollen.
Der Auftrag – das Gemälde zu Game of Thrones
Kurz vor unserem Besuch hatte George Gheorghe im Auftrag von Sky Österreich ein Gemälde zu Game of Thrones vollendet. Das Bild im Stil Pieter Bruegels des Älteren versammelt 16 Schlüsselszenen der Fernsehserie, angeregt von Einsendungen der Fans, und war bis Juli 2017 im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen. Neueste Erkenntnisse über Bruegels Maltechnik flossen mit ein – umgesetzt in rund 1,2 Millionen Pinselstrichen.
Die Arbeit am Bild war interessant, aber auch sehr anstrengend. Ich habe manchmal von 6 bis 21 Uhr gearbeitet. Ich habe die Szenen gezeichnet, dann habe ich für die Komposition eine geometrische Struktur geschaffen, basierend auf der Zahl 7 – denn der Stern mit 7 Spitzen ist ein wichtiges Symbol in der Serie. Auf dieser Struktur habe ich die Szenen verteilt. Ich wollte zuerst Holz verwenden, wie Bruegel – man arbeitet feiner darauf –, aber es war nicht genug Zeit dafür. Als die Komposition klar war, habe ich sie auf eine 150×200 cm große Leinwand übertragen und begonnen zu malen. Die Malschicht enthält mehrere Farbschichten mit verschiedenen Bindemitteln – von ganz mager, Leim, durch fette Tempera bis reine Ölfarbe. Es war ein sehr großes Projekt und ich war alleine, hatte keine Sekretärin oder Pressesprecherin, musste telefonieren, E-Mails schreiben, Fotos machen – das nimmt Zeit und Energie in Anspruch, sodass am Tag der Abgabe das Bild noch nicht fertig war. Gut, dass es möglich war, drei zusätzliche Tage zu bekommen, um die Arbeit zu Ende zu bringen.
Am Ende einer Auftragsarbeit mit sich selbst und dem Ergebnis zufrieden zu sein, ist eine große Herausforderung: eigene Vorstellungen, inhaltliche Standpunkte und künstlerische Positionen mit der Erwartungshaltung des Auftraggebers in Übereinstimmung zu bringen ist dabei ein wesentlicher Faktor.
Ich bin froh, das Projekt zum Abschluss gebracht zu haben. Das Bild ist nicht schlecht, der Auftraggeber war auch sehr zufrieden. Ich bin neugierig auf Bildkommentare!
Kurse von Renaissance bis Barock
Durch seine Methode, Einzelschritte akribisch und analytisch in wissenschaftlicher Manier aufzuzeichnen, ist George in der Lage, sein Wissen in systematischer Form weiterzugeben. In seinen Kursen an der Zeichenfabrik werden nicht nur Gemälde analysiert und rekonstruiert, sondern auch Einblicke in andere Kunstepochen gegeben – anhand konkreter Beispiele werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt.