Für dieses Porträt aus dem Jahr 2018 haben wir Geraldine Blazejovsky im Café Cuadro im 5. Bezirk getroffen, um mit ihr über Malerei, Unterricht und Wahrnehmung zu sprechen.
Geraldine Blazejovsky
Eine der ersten Dozentinnen der Zeichenfabrik – eine Malerin, die ihrem Gefühl mit Verstand vertraut. Seit ihrem Studium für Malerei und Grafik an der Hochschule für angewandte Kunst, an der Akademie der bildenden Künste in Wien und an der Danmarks Designskole in Kopenhagen widmet sich die in Wien geborene Künstlerin der figurativen Ölmalerei. Sie interpretiert die Wirklichkeit, erfasst die Aura der Personen. Inspiriert durch schöne Farbkontraste erlebt sie die Welt bunt.
Jedes Bild hat eine Aussage. Es gibt keine Wertung. Wir produzieren die Bilder, wir produzieren die Inhalte.
Beobachten
Grundlage der malerischen Arbeit ist die Beobachtung, also die aufmerksame Wahrnehmung von Subjekten und Objekten. Geraldine nimmt die Farben ihrer Umgebung auf, bezieht ihr malerisches Augenmerk auf die Seele der Modelle und erfasst das Gesehene durch ihre eigenen Filter. Über Jahre hat sich ein Fundament gebildet, das sie in ihrer Kunstvermittlungsarbeit teilt.
Wunder des Sehens
Einen Großteil der Informationen über die Umwelt erhalten wir über die Augen. Wir erleben unsere optische Perzeption so alltäglich, dass sie fast banal wirkt; für Geraldine aber ein essenzielles Werkzeug und das Wichtigste in der Malerei: das Schauen.
Der Maler ist das Auge der Welt.
Die Farben eines Bildes wirken immer zusammen mit dem Licht, in dem man es sieht: Mit der Lichttemperatur verändern sich die Töne. Ungemischte Pigmente behalten ihre eigene Leuchtkraft. Dieses Seherlebnis kann keine Reproduktion ersetzen. Was wir sehen, wenn wir sehen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich – und macht den Reiz aus. Geraldine liebt die unterschiedlichen Farbnuancen. Dadurch setzt sie ihre Sujets in ihre eigenen Farbräume: ockergelb, karminrot, violett. Ihre inhaltlichen Themen variieren, aber das Medium bleibt.
Experimentieren erlaubt
Während Geraldine vor der Geburt ihrer Tochter vor allem figurativ arbeitete, tauchen ab Februar 2017 Berge auf. Dieser Einschnitt in ihrem Werk ist gleichzeitig eine Weiterentwicklung. Die blauen Berge sind bemerkenswert in ihrer Tiefenwirkung. Das Schwere, die Masse der Berge ist ein Sinnbild für Stabilität. Diese Erdung hat ihr geholfen, konsequent loszulassen: einen Strich stehen zu lassen, nicht akribisch auszubessern. Das Bild entsteht auf der Leinwand, aus Fragen nach Fläche und Form, Farbe und Komposition.
Berge sind harmonisch – etwas, was einen wieder herunterholt. Jedes Bild ist in schwere und leichte Teile gegliedert. Es geht um Stabilität und Ausgewogenheit – leuchtende Farben auf lasierendem Hintergrund.
Malereiunterricht: Schicht für Schicht
Wahrnehmen
Die Geheimnisse der Malerei erschließen sich durch Perzeption. Die Wahrnehmung von Sinneseindrücken ist ein bewusster Vorgang im Gehirn und kann trainiert werden, um das Sehen „aufzubrechen“. Geraldine ist Spezialistin: Sie schaut genau, sie schaut exakt. Deshalb reflektierte sie in ihren Kursen ausgiebig über das Gesehene – sowohl auf der Leinwand der Teilnehmer*innen als auch im Museum und auf der Straße.
Aufmachen und dazugeben! Die Poesie addieren. Schau dir eine Gemäldegalerie an und suche die Indikatoren! Suche zum Beispiel die dunkelste Stelle im Gesicht – ist das in jedem Bild so? Und wenn das so ist, hast du ein Rezept gefunden. Dann schau in der U-Bahn, schau dir die Menschen an! Suche in deren Gesichtern die dunkelste Stelle. Schritt für Schritt öffnet sich der Blick. Für Rezepte ist das sehr praktisch. Aber der Blick öffnet sich auch für das Besondere, für die Unterschiede, die jemanden einzigartig machen, für die Poesie. Und man hat sich ein Stückchen mehr Aufmerksamkeit erobert.
Das optische Bildverständnis wird durch Museumsbesuche verankert. Was uns Originale offenbaren, ist nicht vergleichbar mit ihren Reproduktionen. In Bildergesprächen, die Geraldine organisierte, lernten die Teilnehmer*innen, bewusst über Wahrnehmung zu sprechen.
Geschicktes Handwerk
Bei der Abstraktion setzt du unheimlich viel Bildbildung – also eine optische Bildung – voraus, aber bei der gegenständlichen Malerei steht die Auseinandersetzung im Vordergrund. Es setzt sich niemand mit einem abstrakten Bild auseinander, der keine entsprechende Bildungsgrundlage hat. Wenn doch, dann gibt's in der Regel nur eine Interpretation: „Das kann ein Affe auch!“ Aber bei der gegenständlichen Malerei findet jeder einen Weg zur Auseinandersetzung – auch ohne Bildungsgrundlage.
Ein Foto wird Ausgangspunkt, aber nicht Thema der gegenständlichen Malerei. In ihrem Basiskurs arbeiteten die Teilnehmer*innen intensiv an einem Bild und lernten dabei das Malen, die Farbräume und Komposition. Es waren malerische Übungen, die das Sehen trainierten und die Technik verfestigten. Mit vielen Schichten zum Ergebnis kommen: ein technisch gut gemaltes Bild.
Jede Kunst schließt ein Handwerk in sich ein; das Handwerk der Kunst nenne ich den Teil derselben, der gelehrt und gelernt werden kann; wo das Handwerk aufhört, da beginnt erst die eigentliche Kunst.
Mut machen
Der Satz „Aller Anfang ist schwer“ gilt nur für Fertigkeiten. In der Kunst ist nichts schwerer als beenden – und bedeutet zugleich vollenden.
Alle haben ihr eigenes Tempo. Neben der technischen Vermittlung wollte Geraldine vor allem Angst abbauen und Hemmschwellen reduzieren. Im Kurs für Fortgeschrittene wurden die Teilnehmer*innen aufgefordert, ihrem eigenen Blick mehr zu vertrauen und ihm Raum zu geben. Vorlagen und mitgebrachte Fotos wurden malerisch umgesetzt und interpretiert. Der Fokus lag auf dem, was nach dem Handwerk kommt.
Im Basiskurs lernt man vor allem Technik, also die exakte Bearbeitung eines Bildes. Das ist die Voraussetzung zu dem, was im Fortgeschrittenen-Kurs kommt – dann geht es um die Freiheiten. Was haben wir bereits gelernt? Was ist mein persönlicher Pinselduktus? Was ist meine Farbpalette? Welchen Bildinhalt möchte ich transportieren? Das, was wir akribisch und teils mühevoll im Grundkurs durchlaufen haben, haben wir geprüft und die Freiheit erlangt, darauf zu vertrauen, es anwenden zu können. Und immer dran bleiben!